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Interview | „Obdachlosigkeit kann überwunden werden“

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16.09.2020

Worin bestand für Sie die Motivation, sich sozialunternehmerisch zu engagieren und das Projekt „Housing First“ ins Leben zu rufen?

Das Engagement war doppelt begründet: Es ging uns einerseits um den Aufbau adäquater Hilfe für Wohnungslose, zugleich aber war unser Engagement auch politisch motiviert. Ein Schlüsselerlebnis war die Weihnachtsfeier im Düsseldorfer Kulturzentrum zakk vor vier Jahren, als wir feststellen mussten, dass wieder Wohnungslose verstorben waren. Vor dem Hintergrund unserer Philosophie, wonach wir – Wohnungslose und das Team des Düsseldorfer Straßenmagazins fiftyfifty – so etwas wie eine Familie sind (bei aller professioneller Distanz, die in der Sozialarbeit auch notwendig ist), reifte die Erkenntnis, dass chronifiziert obdachlose Menschen im bestehenden Stufensystem quasi überhaupt keine Chance haben, dauerhaft mit normalen Mietwohnungen versorgt zu werden und eine Verelendungsspirale die Folge ist. Meine Kollegin Julia von Lindern hatte sich auch als Lehrbeauftragte an der Hochschule Düsseldorf mit dem Housing First-Ansatz auseinandergesetzt. Es folgte eine Reise unseres Teams nach Wien, um Erkenntnisse vor Ort zu sammeln. Wir haben schlanke Strukturen – ganz im Sinne des lean management –, so dass Ideen stets gemeinschaftlich entwickelt und schnell realisiert werden können.

„Lean management“? Das klingt ganz nach einem unternehmerischen Ansatz.

Housing first stellt natürlich einen Paradigmenwechsel im System dar, aber die linke Attitüde, die lange Zeit ausschließlich auf Systemkritik zielte, lässt sich meines Erachtens unter den gegenwärtigen politischen Vorzeichen nicht mehr durchhalten. Mit dem Erstarken des Rechtspopulismus gilt es, unser Sozialsystem nach Kräften zu verteidigen. Dafür nutzen wir bei fiftyfifty unsere Erfolge als Glaubwürdigkeitsvorsprung, d. h. unsere Arbeit wird immer von Gesprächen mit politischen Entscheidungsträgern sowie Trägern der Wohnungslosenhilfe begleitet. Und........

© der Freitag


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