We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close
Aa Aa Aa
- A +

Igor Levit: Dass eine Zeitung entscheidet, wer Antisemit ist, macht mich wütend

4 46 1
20.09.2021

Berlin - Der international gefeierte Pianist und Hochschulprofessor Igor Levit wurde jüngst mit dem Preis für den Dialog der Kulturen des Instituts für Auslandsbeziehungen (Ifa) ausgezeichnet. Der Preis verbinde „Kunst mit gesellschaftlichem Engagement, Kultur mit politischer Haltung“, teilte die Institutsleitung in Berlin mit. Zu den bisher Ausgezeichneten gehören die Künstlerin Yoko Ono, der Generalmusikdirektor der Staatsoper Berlin, Daniel Barenboim und die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Das Preisgeld von 10.000 Euro spendet Levit an die Beratungsstelle Hate Aid, die Opfer digitaler Gewalt unterstützt – unter anderem durch kostenlose Beratungsangebote und Prozesskosten-Finanzierung. Die Auszeichnung wurde am 14. September 2021 im Allianz Forum Pariser Platz in Berlin vergeben. Claudia Roth, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, hielt die Laudatio. Schirmherr des Preises ist Bundesaußenminister Heiko Maas. Wir trafen Igor Levit und Claudia Roth im Anschluss an die Preisverleihung zum Gespräch.

Der Ifa-Preis ist ein Preis für den „Dialog der Kulturen“ – das klingt nach einer schönen, auch etwas abgestandenen Worthülse. Sie beide treten ja auf verschiedene Arten und Weisen für interkulturellen Dialog ein. Igor Levit, wo liegt für Sie die Kraft der Kunst beziehungsweise der Musik, um sie für so einen Dialog im emphatischen Sinn nutzbar zu machen?

LEVIT: Musik, auch Kunst, muss ja erst mal gar nichts. Sie ist frei. Sie verfolgt keine Agenda – oder nur sehr selten. Sie kann uns aber daran erinnern, wer wir als Menschen sein können. Wie fühlen sich Liebe an, Furcht, Glück, Zorn, Einsamkeit, Verzweiflung, Aufbruch – all das kann Musik uns schenken. Musik kann Raum und Zeit schaffen für Reflexion, für das Gemeinsame. Gesetze machen kann sie nicht. Die Welt retten kann sie auch nicht. Das müssen wir Menschen in politischen und gesellschaftlichen Prozessen schon noch selbst tun. Alles andere ist ein naiver Gedanke. Im Übrigen ist es auch dieser offene Dialog, dieser offene Raum, den die Rechten so vehement bekämpfen. Sie haben Angst davor. Schon immer hatten Freiheits- und Menschenfeinde auch Angst davor.

Wo beobachten Sie das dieser Tage?

LEVIT: Nehmen wir das Beispiel der Antisemitismusdebatte. Diese ist immer auch eine Debatte um die Deutungshoheit darüber, wer bestimmt, was Antisemitismus ist und was nicht, wer Antisemit sei und wer nicht. Einer der wichtigsten talking points der Rechten ist: Es gibt keine Allianz zwischen Juden und Muslimen. In muslimischen Kreisen hätten Jüdinnen und Juden keinen Platz. Das steht genau so in Leitartikeln rechter Zeitungen. Das ist eine Lüge. Sie hat mit der Realität meines Lebens und dem unzähliger anderer nichts zu tun. Es gibt eine sehr große Menge von muslimischen und jüdischen Gruppen, die aufs Engste verbunden sind und gemeinsam gegen Rassismus und Antisemitismus kämpfen. Der Zweck dieser rechten Erzählungen ist jedoch klar: Es ist der Versuch, zu spalten. Leider und häufig mit Erfolg.

Was Sie beschreiben, dieser Versuch des Brechens von Allianzen …

LEVIT: … ja, das ist keineswegs neu.

Aber dennoch kann man in den letzten Monaten, gerade seitens des Springer-Verlags, beobachten, wie der Antisemitismus-Vorwurf selbst gegen Journalistinnen und progressive Frauen wie etwa Carolin Emcke oder sogar gegen Juden in Anschlag gebracht wird. Sehen Sie hier eine Gefahr der Entwertung des Begriffs?

LEVIT: Absolut. Es ist immer eine Frage von Deutungshoheit: Was ist Rassismus? Was ist Antisemitismus? Dass eine Zeitung versucht, diese Deutungshoheit zu erlangen, indem sie........

© Berliner Zeitung


Get it on Google Play