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Der gute Deutsche wird 70: Wie Herbert Grönemeyer zum Gewissen der Nation wurde

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09.04.2026

Sein Vater Wilhelm, der seit der Schlacht von Stalingrad ohne rechten Arm durchs Leben lief, sei ein „Spitzen-Umarmer“ gewesen, erzählt Herbert Grönemeyer in der so liebevollen wie detaillierten ARD-Doku „Grönemeyer – Alles bleibt anders“, die am 13. April im Fernsehen läuft und bereits in der ARD-Mediathek zu sehen ist. „Mein Vater war im Grunde der Umarmer in der Familie“, sagt sein Sohn, der Jüngste von dreien. „Dass er nur einen Arm hatte, ist mir eigentlich nie aufgefallen.“ Dass auch Herbert Grönemeyer über besondere Umarmungsqualitäten verfügt, davon konnte sich der Autor dieses Texts bereits persönlich überzeugen, auch der Händedruck ist fest und geht zwingend mit freundlichem sowie ganz dezent schelmischem Augenkontakt einher.

Herbert Grönemeyer wird 70? Das muss man erstmal sacken lassen

Dieser Herbert Arthur Wiglev Clamor Grönemeyer, schon der Name ist die reinste Poesie, wird also am 12. April 70 Jahre alt. Diese Tatsache muss man erst einmal sacken lassen. Wer Grönemeyer Anfang des Jahres auf seiner „Mittendrin – akustisch“-Tournee erlebt hat, auf der er – räumlich wie emotional – noch näher dran war an den Leuten als sonst, bringt das Alter nur schwer mit diesem Menschen in Einklang. Grönemeyer, zeitlebens für alle, die ihn schätzen, ein „Herbert“ geblieben, nie zum distanzierten „Herrn Grönemeyer“ und schon gar nicht zum Wiglev geworden, derwischt gute drei Stunden über die Bühne, plaudert mit dem Publikum, singt und tanzt, dass es die wahre Freude ist.

Doch die 70 ist halt ein Fakt. „Optisch zu altern ist generell nicht das Allereinfachste“, sagte er jüngst in einem Interview, „aber in meinem Fall altert man eben auch öffentlich. Das ist für die eigene Eitelkeit ein Prozess, an den man sich gewöhnen muss.“ Freilich sieht es so aus, als wenn echte Überzeugungskünstler wie Herbert Grönemeyer oder auch ein Bruce Springsteen, der noch sechs Jahre älter ist, auf der Bühne in eine Art ewigen Zustand der Jugendlichkeit transformiert werden. Da kann Grönemeyer noch so oft behaupten, eigentlich ein Meister des Müßiggangs zu sein.

Mutmaßlich hält den Musiker, Komponisten, Texter und Schauspieler auch das Leben als solches jung. Herbert Grönemeyer ist in zweiter Ehe seit 2016 mit der Waliserin Josefine Cox verheiratet, das Paar hat ein Kind, das 2019 zur Welt kam. Grönemeyers Kinder aus der Ehe mit Anna Henkel-Grönemeyer sind inzwischen Ende 30. „Die Freude über meine Kinder ist ungebremst, in welchem Alter sie sich auch befinden“, sagte er in der österreichischen Radiosendung „Frühstück bei mir“. Und Herbert Grönemeyer ist Opa. Noch an Ostern sei er im Hasenkostüm herumgelaufen und habe die Enkel bespaßt.

Körperlich ist er gut in Schuss, vor allem aber ist es sein Geist, der sich jedweden Alterungsbestrebungen erfolgreich widersetzt. Grönemeyer ist nicht satt, nicht selbstgefällig, kein deutscher Boomer-Rentner, der den Wohlstand auf irgendeiner Finca verfrühstückt und sich den gesellschaftlichen Entwicklungen und Verwerfungen nicht mehr zu stellen bereit ist. Ganz im Gegenteil. Grönemeyer ist aktiv, agil und politisch durchaus ein Lauter – manchen wurde er gar über die Jahre zu laut, zu allgegenwärtig.

Weil die Frage ja tatsächlich die ist: Wie politisch muss und soll Musik sein? Manchen ist das mittlerweile alles zu viel – Grönemeyers ständiges Mahnen, das moralisch aufgeladene Politisieren. Andere nervt, wohl eher seit jeher, sein unverständliches Genuschel.

So oder so, Herbert Grönemeyer hat schon früh Spuren hinterlassen .Die Eltern leben in Clausthal-Zellerfeld, Herbert kommt in Göttingen zur Welt, doch als er ein Jahr alt ist, siedeln die Grönemeyers nach Bochum um. Hier macht er 1975 sein Abitur, beginnt ein Studium der Musik und Rechtswissenschaften, das er trotz 23 Semestern nie abschließt. Mit zarten 20 Jahren wird er bereits musikalischer Leiter am Schauspielhaus Bochum unter dem großen Intendanten Peter Zadek. Auch mit der Choreografin Pina Bausch arbeitet er zusammen, was ihn in späteren Jahren jedoch nicht davon abhält, mit angeblich unterdurchschnittlichen Tanzqualitäten zu kokettieren.

Bochum wird Grönemeyer zur Herzensheimat. Als Kind kann er dann am besten schlafen, wenn er durchs offene Zimmerfenster die Stempel im Gussstahlwerk „Bochumer Verein“ auf den Stahl knallen hört. Diesen „Pulsschlag aus Stahl“ verewigt er später in seiner Hymne „Bochum“. „Ich bin immer ein Kind des Ruhrgebiets gewesen und auch geblieben“, sagt Grönemeyer. Der Menschenschlag an der Ruhr – stolz, verlässlich, ehrlich, unprätentiös – sei ihm nach wie vor sehr nah, auch wenn er seit 2007 in Berlin lebt und vorher zehn Jahre lang in London. „Ich werde der Stadt Bochum für alle Zeit dankbar sein.“ Gleiches dürfte auch umgekehrt der Fall sein. Ehrenmitglied des Zweitligavereins VfL Bochum ist er natürlich auch, die Mitgliedsnummer lautet 4630.

Nur, dass Grönemeyer nicht in der zweiten Liga, sondern seit über 40 Jahren ohne Unterbrechung in der Champions League unterwegs ist. Seinen künstlerischen Durchbruch schafft er zwar als Schauspieler. 1981 verkörpert er in Wolfgang Petersens Antikriegs-Film „Das Boot“ den unbedarften und Milchbubi-haften Kriegsberichterstatter Leutnant Werner. Doch die Musik ist ihm noch wichtiger. Zwischen 1979 und 1983 veröffentlicht er vier Alben, die gemeinsam haben, dass sich nur wenige Menschen für sie interessieren. Seine Plattenfirma wirft ihn wegen Erfolgslosigkeit raus, Grönemeyer schlüpft bei EMI in Köln unter – und bringt 1984 „4630 Bochum“ raus – jenes Album, das ihn zur jungen Ikone macht.

„Männer“, „Flugzeuge im Bauch“, „Bochum“: Mit Ende 20 ist Herbert Grönemeyer ein deutscher Superstar

„Männer“ ist der selbstironische, aber warmherzige Hit, heute noch gern gehört, „außen hart, und innen ganz weich“ sind sie bei ihm, schon Mitte der Achtziger können Männer also Gefühle zeigen, zumindest in der Lyrik des Herbert Grönemeyer. Eine kleine Revolution, wenngleich mit Augenzwinkern. Auch „Alkohol“, die Ballade „Flugzeuge im Bauch“ und eben „Bochum“ werden zu zeitlosen Klassikern. Grönemeyer ist nun Ende 20 und ein deutscher Superstar. Die Karriere läuft bestens, allenfalls müssen sich die Deutschrock-Fans entscheiden, ob sie lieber zum hemdsärmeligen Herbert oder dem zunehmend schnieken Marius Müller-Westernhagen halten.

„Stillstand ist der Tod/ Geh voran/ Bleibt alles anders“, singt er 1998 in „Bleibt alles anders“. Dieser Drang nach Veränderung, nach Entwicklung, diese Neugierde, diese Lust am Ausprobieren, sie bleibt sein künstlerisches Leitmotiv. Mal baut er verstärkt elektronische Elemente in seine Songs ein, mal singt er ein Album lang auf Englisch. 1994 ist er der erste deutsche Künstler, der für den Musiksender MTV ein „Unplugged“-Special aufnimmt.

Es hätte vielleicht ewig so weitergehen können, aber so ist das Leben nicht. Seines schon gar nicht. Acht Jahre lang leidet seine Frau Anna, vor der Öffentlichkeit verborgen, an Brustkrebs. Im November 1998 stirbt sie, vier Tage nach seinem Bruder Wilhelm, der ebenfalls einer Krebserkrankung erliegt. Herbert Grönemeyer zieht sich zurück, trauert, ist für seine Kinder Felix und Marie da, versucht, von irgendwo her wieder Mut zu schöpfen. Als „persönliche Apokalypse“ bezeichnet er diese Zeit später. „Es war eine unfassbare Zäsur, ein Riss. Alles kam zum Stillstand.“

„Der Weg“ widmete er seiner Frau Anna, es wird zu einem Testament der Trauer und der Resilienz

Grönemeyer verarbeitet sein Trauma musikalisch. Das Album „Mensch“ kommt 2002 und wird zum Jahrhundertwerk. Kein Album eines deutschsprachigen Künstlers hat sich jemals häufiger verkauft (etwa 3,5 Millionen Mal), „Mensch“ ist bis heute ein Meilenstein, und das todtraurige, schmerzerfüllte und doch Hoffnung spendende Lied „Der Weg“, das er seiner Anna widmete, wird zu einem Testament der Trauer und der Resilienz – extrem persönlich und doch so einmalig mitfühlbar für alle, die selbst einen geliebten Menschen verloren haben. Spätestens seit dem „Mensch“-Album ist Herbert Grönemeyer das, was man in Großbritannien als „National Treasure“ bezeichnet. Ein deutscher Schatz.

Wie keinem Zweiten gelingt es ihm, die Stimmung des Landes aufzugreifen und in Lieder zu verwandeln. So wie 2006, als Deutschland von einer seltenen Leichtigkeit befallen ist, und Grönemeyer mit „Zeit, dass sich was dreht“ die hochfröhliche, Aufbruchstimmung verbreitende, offizielle WM-Hymne zu jenem Turnier in Deutschland beisteuert, das als „Sommermärchen“ in die Geschichte einging. So eines könnten wir jetzt auch mal wieder gut gebrauchen.

An Herbert Grönemeyer und seinen Liedern liegt es jedenfalls nicht, dass Deutschland seit Jahren so durchhängt. Er ist der Mutbürger der Nation, ein Zuversichtlichkeitsverbreiter, ein ewig junger Hoffnungsträger, ein unverbesserlicher Nichtschwarzmaler. „Angstfrei“ heißt ein Stück von seinem jüngsten Studioalbum „Das ist los“ 2023, in einem anderen, „Der Schlüssel“, singt er gegen den anschwellenden Fremdenhass an.

Grönemeyer steht stabil – gegen den Hass, für Demokratie und Menschlichkeit

„Mich hat immer positiv gestimmt, wie die Menschen 2015 in den Bahnhöfen den Geflüchteten entgegengegangen sind. Das ist für mich eines der einprägsamsten Bilder gewesen, die ich in meinem Leben gesehen habe. Das hat nicht nachgelassen, auch 2022 mit den Menschen aus der Ukraine.“ Diese Empathie der Vielen zeige ihm, „dass die Gesellschaft ganz andere humanistische Elemente in sich trägt, als wir gemeinhin immer denken. Wir neigen in Deutschland dazu, immer nur das ,Ja, aber‘ zu betonen – doch nicht, was für Qualitäten wir haben.“

Herbert Grönemeyer ist nicht nur ein Seismograf hiesiger Befindlichkeiten, sondern, um im Seefahrerjargon zu bleiben, auch ein Kompass und ein Anker. Der Mann steht stabil. Gegen den Hass. Für Demokratie, für Menschlichkeit. Keinen Millimeter weiter nach rechts dürfe sich die Gesellschaft bewegen, fordert er. Und er wird sobald nicht schweigen oder gar den Ruhestand, das Vater- und Opa-sein in Vollzeit auskosten.

Aktuell arbeitet Grönemeyer an seinem nächsten Album, das Ende 2026 oder Anfang 2027 herauskommen soll. Und er schreibe an einer Oper. „Ich habe einen sehr schönen, sehr traurigen Stoff“, sagt er.

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