Neo-Kolonialismus: Wenn Menschen für Likes ausgenutzt werden
„Noch nie gesehen.“ „So nah wie nie.“ „Verbotene Welt.“ „Erste Aufnahmen.“ Das muss man doch anklicken, oder? Schließlich sind Menschen eine neugierige Spezies, und zu Sensationen können sie auch nicht nein sagen. Und wenn wir sie nicht selbst generieren können, dann wollen wir wenigstens an den Entdeckungen der anderen teilhaben.
Kennst du schon?: Mein Körper, mein Side Hustle?
Aber was bedeutet das für die noch unberührte Landschaft, das bisher unentdeckte Tier oder die unfreiwillig und ungewollt zu Fotoobjekten degradierten Menschen?
Eine Recherche des britischen „Guardian“ hat Anfang September mehrere Influencer.innen, Abenteurer.innen und Filmemacher:innen und ihren Content unter die Lupe genommen. Sie haben alle isoliert lebende indigene Gruppen aufgespürt, gefilmt oder Begegnungen mit ihnen als exklusiven Content vermarktet. Indigene Organisationen sprechen von „colonialism for clicks“: Kolonialismus für Klicks.
Ein Cola für die „Entdeckung“
Da wäre zum Beispiel Mykhailo Polyakov. Der US-Amerikaner landete im März 2025 auf North Sentinel Island, einer streng geschützten Insel im Indischen Ozean, die zur Inselgruppe der Andamanen gehört und von Indien verwaltet wird. Die Sentinelesen leben dort isoliert und wollen nicht mit Außenstehenden in Verbindung treten. Polyakov fuhr trotzdem hin. Mit Kamera und einer Dose Diet Coke.
Das Cola war das „Gastgeschenk“ für Menschen, die keinen Besuch wollen. Es sollte ein billiger Tausch für sein Eindringen in die Privatsphäre eines Volkes sein, eine geschmacklose Umgehung eines Verbots und persönlicher Grenzen. Zwei Tage nach seiner Landung wurde Polyakov von den indischen Behörden festgenommen, bekannte sich später schuldig und wurde zu 25 Tagen Haft sowie einer Geldstrafe von 15.000 Rupien (ca. 140 Euro) verurteilt. Denn die Insel ist für Fremde Sperrgebiet.
Was Polyakov daran reizte? Bilder zu bekommen, die sonst niemand hat. Und genau da wird aus einer menschengefährdenden Abenteuergeschichte eine Mediengeschichte. Denn dieses „Ich war zuerst da“ kennen wir schon lange: Früher stand es im Expeditionsbericht, später in der........
