Der letzte Lebensort
Nachts im Vorbeifahren kann man manchmal kleine Lichtpunkte an Straßen sehen. Es sind Grabkerzen. Tagsüber entdeckt man auch Blumensträuße und Fotos in Klarsichthüllen, angepinnt an ein Holzkreuz. Manche Kreuze stehen seit Jahren dort. Längst verwittert, markieren sie die Stelle, an der bei einem Unfall ein oder mehrere Menschen gestorben sind. Sie stehen vor oder hinter Kurven, da, wo der Straßenverlauf besonders gefährlich ist; sie stehen am Fuß des Baumstamms oder vor der Böschung, in die das Auto gekracht ist.
Wer anhält und aussteigt, bringt frische Blumen, hält einen Moment inne im Gedenken an die Toten – oder schaut sich die Orte genauer an, so wie es Christine Aka (63) viele Jahre lang gemacht hat. Mit Warnweste, Fotoapparat und Diktiergerät begann die Kulturanthropologin der Universität Vechta 2002, Unfallkreuze an Straßen aufzusuchen und als Orte der Trauer zu erforschen.
„Obwohl die Zahl der Unfalltoten zurückgegangen ist, ist die Anzahl der Kreuze gestiegen“, sagt Aka. Eine Tatsache, die vor allem Straßenbaubehörden beschäftigt. Schließlich ist der Ort, an dem sie stehen, öffentlicher Raum, und auch die Kreuze selbst können zum Sicherheitsrisiko werden, wenn sie zu nah an der Straße stehen. Früher hätten die Behörden sie relativ häufig entfernt, sagt Aka: „Heute lassen sie sie stehen, wenn sie gepflegt sind. Oft wird sogar drumherum gemäht.“ Man habe erkannt, dass diese Orte für viele Menschen wichtig sind.
Was bedeuten die Zeichen am Weg? Sind es Orte der Trauer oder der Erinnerung oder gar religiöse Orte? Wer stellt sie auf und warum? Um das herauszufinden, suchte Aka mit Zeitungsannoncen Hinterbliebene von Unfalltoten, die bereit waren, etwas über die Kreuze zu erzählen. Viele Angehörige, Bekannte, Freundinnen und Freunde der Getöteten meldeten sich bei ihr. Sie und ihre studentische Hilfskraft hätten „oft sehr lange und traurige Gespräche“ geführt, sagt Aka. Manchmal fühlte sich die Wissenschaftlerin wie eine Trauertherapeutin: „Die Leute erzählen erst mal sehr ausführlich, was eigentlich passiert ist und wie unfassbar das ist.“
Eine Frau findet die Brille ihrer Tochter
Das Unfassbare scheint am Straßenrand begreifbar zu werden, weil man es dort sehen und fühlen kann. „Manche haben den Tod so lange nicht realisiert, bis sie zu der Unfallstelle gefahren sind, zu diesem verletzten Ort“, erzählt Aka. Dort, wo der Baum kaputt ist, wo man Brems- und Brandspuren sieht, hätten sie gesehen, dass es wirklich passiert ist. „Eine Frau hat mir erzählt, dass sie dort die Brille ihrer Tochter gefunden hat.“
Der Unfallort werde zu einem Symbol für den Tod. Auf dem Friedhof sei zwar der Körper bestattet, aber der Straßenrand sei für viele „der letzte Lebensort des Menschen“, erzählt Aka. „Hier sind die letzten Gedanken gedacht worden, hier tat der Mensch seinen letzten Atemzug.“ Wer zu der Unfallstelle komme, spüre die letzte Realität, das letzte bisschen Anwesenheit des Verunglückten, so als ob man sie festhalten könne.
Es sind oft die Freundinnen und Freunde, die das Kreuz aufstellen. Die Angehörigen seien „viel zu sehr geschockt und viel zu sehr mit sich beschäftigt“, sagt Aka. An den Dingen rund um das Kreuz erkannte sie, wer dort trauert. „Es gibt häufig Fotos von den Gestorbenen, die dort angepinnt werden. Man sieht, wie die Leute ausgesehen haben, wie jung sie waren, welche Hobbys sie hatten.“ Freunde legen Kuscheltiere ab, manchmal sind schriftliche Grüße dabei. Aka fand Fanartikel von Fußballvereinen, Fotos von Partys und gemeinsamen Urlauben.
„Kurz nach dem Tod gibt es sehr viele Besuche an dem Kreuz“, sagt Aka. Freundeskreise träfen sich dort, rauchten und manche legten auch dem Verstorbenen Zigaretten hin, erzählt sie. Zum Geburtstag werden kleine Geschenke gebracht, zu Weihnachten Weihnachtsschmuck. „Im ersten Jahr wird das Kreuz mindestens vier- bis fünfmal umgestaltet. Irgendwann wird das weniger“, sagt sie. Wenn die Freunde das Kreuz nicht mehr pflegten, werde das manchmal von den Angehörigen übernommen.
Das Kreuz am Straßenrand sei zwar ein öffentlicher Raum, aber trotzdem für viele Menschen privat, sagt Aka: „Sie eignen sich die Unfallstelle an und machen einen kleinen persönlichen Raum daraus.“ Im Gegensatz zu einem Friedhof gebe es hier keine soziale Kontrolle: „Da kann man machen, was man will.“ Viele redeten dort sehr intensiv mit den Verstorbenen: „Man ist ungestört. Man kann laut schreien und weinen. Die Vorbeifahrenden bekommen das nicht mit.“
Obwohl es meist Kreuze sind, die die Unfallstellen markieren, verbinden die Hinterbliebenen damit nicht unbedingt den christlichen Glauben an das ewige Leben. Das Kreuz ist für sie ein Zeichen für den Tod und für Fragen, auf die sie keine Antwort finden. In den Briefen, die Aka unter den Kreuzen gefunden hat, steht dann „Warum?“ oder „Lass es dir gut gehen, wo immer du jetzt bist“.
