Düsseldorf ignoriert den Bürgerwillen
Ich bin gerade mit einem Stipendium an der Queen Mary University in London, der Stadt von Sherlock Holmes, Jack the Ripper und Gaslaternen. Und ich kann nur sagen: Von den Laternen haben wir in Düsseldorf mehr, Ripper hatten wir ebenfalls nur einen, aber das ist eine andere Geschichte. Touristen stehen mit gezückten Handys in den Straßen meiner Heimatstadt, wenn abends das goldene Licht in den Laternen erglimmt wie Honig, wie Hoffnung. Und in diesen dunklen Zeiten brauchen wir Hoffnung dringender denn je.
Bühne frei für die Posse: Lasst uns unser Alleinstellungsmerkmal loswerden. Weil ... irgendetwas mit Umweltschutz. Na klar verbraucht Gas pro Stunde mehr CO2 als LEDs. Allerdings sind die Gaslaternen nur für den Bruchteil eines Prozentes verantwortlich. Das ist alles nichts im Vergleich zum CO2-Verbrauch durch die Herstellung der neuen LED-Laternen plus der Tatsache, dass die nur zehn Jahre halten, versus den 177 Jahren, die die Düsseldorfer Gaslaternen bereits stehen und leuchten, und von den Düsseldorfer*innen geliebt werden wie ihre eigenen Kinder. Weshalb im Jahr 2000 unter großer Bürgerbeteiligung ein Kompromiss erarbeitet wurde, der die meisten Gaslaternen unter Denkmalschutz stellte. So funktioniert Demokratie.
Mithu Melanie Sanyal ist Schriftstellerin, Journalistin und Kulturwissenschaftlerin, Tochter eines indischen Ingenieurs und einer polnischstämmigen Sekretärin, aufgewachsen in Düsseldorf. In ihren Sachbüchern und Romanen – ihr erster: »Identitti« war ein Riesenerfolg, in ihrem zweiten: »Antichristie« geht es um den bewaffneten Kampf gegen das Empire –, in Hörspielen und Essays verhandelt sie Fragen von Feminismus, Rassismus und sexueller Gewalt. Was Mithu Sanyal veröffentlicht, löst Debatten aus, und zwar ergiebige. Sie wird für uns über alles zwischen Alltag, Politik und Literatur schreiben.
Nur sind unsere Kommunalpolitiker nicht besonders demokratisch und entschieden 2023, dass ihnen das alles schnuppe ist und die Gaslaternen wegmüssen, weil ... Putin. Dabei wurde dem Stadtrat verschwiegen, dass die Gaslaternen auch mit klimaneutralem – und nationalen – Biogas betrieben werden könnten. Aber vor allem wurde die Entscheidung mit der Lüge durchgedrückt, die alten Laternen würden nur umgerüstet. Bloß kann man in eine Gaslaterne nicht einfach ein LED Birnchen reinschrauben, weil die gar nicht am Stromnetz hängen. Stattdessen werden die alten Masten abgesägt und durch Attrappen ersetzt. Kosten? 120 000 000 nach konservativsten Schätzungen.
Die Düsseldorfer Gaslaternen sind Teil unserer Industriegeschichte. Nicht ohne Grund hieß Düsseldorf in meiner Kindheit noch: die Röhrenstadt. Apropos Kindheit: Wir lernten Klettern an den Laternenmasten (und Zungenküssen im gelben Gaslicht). Trotzdem wurde die Entscheidung ohne das Denkmalamt getroffen. Dito ohne das Umweltamt. »Männer umschwirr’n mich, wie Motten das Licht, und wenn sie verbrennen, ja dafür kann ich nicht.« (O-Ton Marlene Dietrich in »Der blaue Engel«) Nur dass Motten und andere Insekten eben kaum von Gaslicht angezogen werden, sondern hauptsächlich durch das kalte elektronische Licht, an dem sie zuhauf sterben.
Argumente gegen den Abriss gibt es ohne Ende. Doch das Entscheidende ist: Wenn eine Stadt den Willen ihrer Bevölkerung so schamlos ignoriert, wozu soll man sich dann noch bürgerschaftlich engagieren? Und wie gegen die AfD argumentieren, die bereits in den Startlöchern steht nach dem Motto: Da sieht man, wohin die Umweltdiktatur führt.
Noch stehen die meisten Gaslaternen. Lasst sie uns retten und mit ihnen den Glauben daran, dass Demokratie funktionieren kann!
