Ein Hauch von Spanien, aber kein Sturm: Die Gotxa Tapas Bar in Kreuzberg
Wie Sie vielleicht wissen, bin ich nicht die Richtige für Besten-Rankings. Sobald ich höre, hier gäbe es „die besten Tapas in Berlin“ oder das sei „die Nummer-1-Pizza der Stadt“, meldet sich mein Unglaube. Nicht trotzig, eher reflexartig. Zu oft habe ich erfahren: Es stimmt nicht.
Aber ich verstehe, warum diese Listen existieren und so überaus erfolgreich sind: Im Durcheinander der Welt geben sie uns Halt, weil man sonst im Überangebot verloren geht. Manchmal aber auch andersrum. Sie helfen bei Verzweiflung, weil man allein nichts Gescheites findet.
Lebendige und verspielte Küche
Genau hier liegt mein Problem, wenn ich über die spanische Küche in Berlin schreiben will. Ich entdecke sie nicht. Aus zahlreichen Spanienreisen weiß ich, wie lebendig, verspielt und zugleich tief verwurzelt sie ist. Wie sehr sie sich im letzten Jahrzehnt entwickelt hat: eine Küche, die ihre Tortilla- und Jamón-Tradition nicht museal versteht, sondern neugierig zerlegt, beste lokale Produkte mit globalem Küchenhandwerk verbindet und dabei erstaunlich demokratisch bleibt.
Ich erwähnte bereits kürzlich, dass ich in San Sebastián war – diesem Pintxos-Bar-Paradies, in dem sich japanische Foodies, amerikanische Gastro-Touristen und der ganz normale Straßenkehrer nach Schichtende an der Theke tummeln. Jeder kann sich dort das Krabben-Tartelette oder die Rinderbäckchen mit Apfelglasur leisten und diskutiert ernsthaft darüber, ob die Schwertmuscheln mit Blutwurstbutter oder doch der in Soja marinierte Entenschinken mit Pimientos-de-Padrón-Emulsion vorzuziehen sei.
Nur: Wo finde ich diesen Geist in Berlin? Wenigstens einen Abglanz?
Währenddessen rüsten die Italiener in dieser Stadt sichtbar auf. Sie veranstalten seit Jahren das True Italian Food Festival. An einem der letzten Wochenenden etwa genoss ich bei einem Trüffel-Event einen samt Händler eingeflogenen weißen Alba-Trüffel auf buttriger Pasta in Kreuzberger Kulisse. Italienische Restaurants laden regelmäßig zur „Spicy Week“ oder „Fusion Week“, organisiert wird all das von einer erstaunlich eifrigen Agentur namens Berlin Italian Communication. Finanziert von Botschaft und Kulturinstitut sorgt sie dafür, italienische Produkte, Kochkunst und Gastronomie in Berlin sichtbar nach vorne zu bringen.
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Nur schlägt mein Herz aus sehr persönlichen Gründen für Spanien. Und dort passiert … nichts. Keine offiziellen Kampagnen, keine kuratierten Bestenlisten, kein kulinarisches Trommeln. Es sei denn, man begibt sich auf TikTok und Instagram und sucht selbst. Genau das habe ich getan – und bin schnell bei der Tapas-Bar Gotxa gelandet.
Seit ihrer Eröffnung im Sommer 2023 gilt sie als neuer Lieblings-Pintxos-Laden in Kreuzberg. Mit den besten Tortillas, Croquetas und Gildas der Stadt, heißt es. Anderswo las ich, Gotxa sei a culinary gem in Berlin that truly captures the essence of Spanish cuisine. Große Worte. Aber genau solche kulinarischen Juwelen fehlen mir ja. Auch im Insta-Format, auf dem Köchinnen und Köche ihre Berliner Lieblingsläden verraten, fiel der Name Gotxa mehrfach. Besonders hängen blieb die Aussage des von mir geschätzten Kochs aus dem Thai-Restaurant Khao Taan: Die Croquetas im Gotxa seien „unvergesslich“ – crunchy, soft, juicy. Nicht zu schlagen.
Also machte ich mich auf in die Liegnitzer Straße 28, wo das Gotxa einen Pizza-Italiener abgelöst hat und von drei spanischen Küchenchefs betrieben wird. Vielleicht ein Vorbote dafür, dass Spanien kulinarisch im Kommen ist? Ich wünsche es mir.
Mein erster Eindruck beim Betreten: Es riecht wie oft in Spanien. Leider nicht nach Meer, Olivenöl und frittierten Kartoffeln, sondern nach Chlor- und Bleichmitteln. Im vorderen Raum stehen ein paar Hochtische, dahinter die Bar, kaum Dekoration. Das Praktische setzt sich im Fliesenboden fort, der sich bis in den hinteren Raum mit einigen Tischen zieht. Sexy ist das nicht. Aber die Pintxos-Bars in San Sebastián sind es auch nicht. Mich schreckt das nicht ab – entscheidend ist, ob die Tapas überzeugen.
Kartoffelsalat als universeller Begleiter
Auf der Karte warten keine Überraschungen, aber sehr spanische Klassiker. Keine Datteln im Speckmantel, wie sie nur Deutsche in Touristenlokalen bestellen, der Spanier aber nicht, sondern Dinge wie eine Ensaladilla Rusa. Aus irgendeinem Grund hat sich dieser Kartoffelsalat in einfachen spanischen Bars als universeller Begleiter zu Bier und Wein durchgesetzt. Sein kosmopolitisches Rezept ist über 200 Jahre alt, erfunden wurde er von einem belgischen Koch mit französischen Wurzeln namens Lucien Olivier, der in den 1860er-Jahren nach Moskau kam. Wie diese Ensaladilla dann ausgerechnet Spanien eroberte, weiß ich nicht. Mit den Grundzutaten Ei, Kartoffeln und Mayonnaise wird er dort in zahllosen Varianten gegessen, meist mit Thunfisch, Möhren, Erbsen und sauren Gürkchen.
Im Gotxa ist der Kartoffelsalat leider eine Enttäuschung. Kurz fürchte ich, mal wieder einer Bestenliste auf den Leim gegangen zu sein. Es ist vor allem ein Konsistenzproblem. Ich kenne die Ensaladilla als samtigen Stampf, der vom Geschmack der Kartoffeln und vom Eigelb lebt. Hier machen viel gehacktes, hartes Eiweiß und Mayonnaise die Masse klebrig. Auch fehlt mir die Zitronensäure oder irgendeine andere Säurenote – in Spanien kommt sie gern von Essiggürkchen. Einzig erfreulich: Der Thunfisch ist nicht untergemischt, sondern liegt im eigenen Saft obenauf, und ist nicht ölig.
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Ganz anders die Croquetas mit Huhn – sie fühlen sich sehr gut an. Ich meine tatsächlich den ersten haptischen Eindruck: außen die knusprige, spürbar fragile Hülle, innen puffig und unfassbar schmelzig. Gezupftes Hühnchenfleisch mit deutlichen Röstaromen und viel Eigenfett ist croquetentypisch mit einer Mehlschwitze zu einer homogenen Masse verschmolzen. Ein Umami-Feuerwerk.
Auch die Albóndigas, spanische Hackfleischbällchen in Tomatensoße, kann ich empfehlen. Das Hack schmeckt angenehm nach Schwein, ist fluffig und gut gewürzt. Meine Schwiegermutter verwendet für dieses Gericht gern rauchig-intensives Paprikapulver. Im Gotxa zielt man eher auf das kulturelle Erbe der Albóndigas ab: Ihr Name stammt aus der Zeit der Mauren in Spanien, entsprechend ist die Würzung orientalisch, mit Kreuzkümmel und Zimt im Fleisch und einer süßlichen Tomatensauce. Schade nur der konventionelle Tomatensugo-Geschmack der Sauce.
Von der Karte hatte ich außerdem Pan con tomate bestellt: geröstetes Weißbrot, zu dem frisch geriebene Tomaten als eine Art puristische Salsa gereicht werden – nur mit etwas Olivenöl, Salz und einem Hauch Zitrone abgeschmeckt. Frisch eingekochte Tomaten wären auch bei den Albóndigas ein Traum.
Dafür sind die Gerichte und Portionen demokratisch fair bepreist, wie ich es aus San Sebastián kenne. Kulinarisch könnte man hier noch viel weiterdenken. In Spanien würde das Gotxa zwar durchgehen, aber keinesfalls auf einer Bestenliste landen. Die Lücke, um aufzuschließen, ist ungefähr noch so groß wie der Weg dorthin.
Tapas 4,50–8,50 Euro, Special-Tapas 7,50–14 Euro, Brot-Variationen 4–8 Euro, Desserts 8 Euro
Gotxa Tapas Bar. Liegnitzer Straße 28, 10999 Berlin, Mi–Do 18–23 Uhr, Fr–Sa 18–0 Uhr, So 13–22 Uhr, www.gotxabar.com
