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Historiker Adam Raz im Interview: „Ich schäme mich, Israeli zu sein“

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12.04.2026

Kaum ein anderer Historiker hat sich so intensiv mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu beschäftigt wie Adam Raz. Nun hat er ein neues Buch veröffentlicht, das auf Hebräisch im Pardes-Verlag in Tel Aviv erschienen ist und den Titel „Der Dreißigjährige Krieg: Benjamin Netanjahu gegen Israel“ trägt. Darin beschreibt Raz, wie Netanjahu die demokratischen Strukturen Israels ausgehöhlt und das Land in einen permanenten Krieg geführt hat, um an der Macht zu bleiben.Raz lebt seit sieben Monaten in Berlin und arbeitet am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität. Wir treffen ihn in seiner Wohnung in Schöneberg, wo er mit seiner Frau und den beiden Kindern sowie Hund und Katze lebt.

Herr Raz, seit dem 7. Oktober 2023 und dem Angriff der Hamas befindet sich Israel im Kriegszustand. Wie ist es, heute in Israel zu leben?In Israel zu leben heißt, in einem permanenten Kriegszustand zu leben. Ich habe gerade mit meinen Eltern telefoniert, sie sitzen in Schutzräumen, mitten in Israel. Auch mein Bruder und meine Schwester. Meine ganze Familie sitzt gerade in Bunkern. Noch viel schwieriger ist die Lage aber derzeit im Iran, im Libanon oder in Gaza. Die Kinder des Nahen Ostens zahlen den Preis für diese Situation. Es ist furchtbar.

Sind Sie deshalb vor sieben Monaten mit Ihrer Familie nach Deutschland gezogen?Ja, unter anderem. Es gibt aber noch weitere Gründe: Ich habe ein Fellowship am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin angeboten bekommen und mich entschieden, es anzunehmen. Ein entscheidender Punkt ist außerdem: Wer in Israel die Schule beendet und 18 wird, muss zur Armee. Das wird bald auch für meine beiden Kinder gelten, und das will ich nicht. Als Linker und scharfer Kritiker der israelischen Besatzung sowie des Genozids in Gaza ist es für mich unvorstellbar, dass meine Kinder sich an der aktuellen Praxis der israelischen Armee beteiligen.

Ist es für kritische Stimmen wie Sie überhaupt noch möglich, in Israel zu leben?Es ist sehr schwierig geworden. Die demokratische Arena schrumpft. Ich schreibe, forsche und unterstütze seit etwa 20 Jahren NGOs sowie Palästinenser in Fragen des israelisch-palästinensischen Konflikts. Ich nutze meine Arbeit als Historiker, um gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen. Doch das wird zunehmend schwieriger. Es hat einen Wertewandel in der israelischen Gesellschaft gegeben. Die meisten Israelis sind heute sehr rechts. Man wird nicht verhaftet, wenn man die Regierung kritisiert, aber man spürt, dass der Druck wächst und sich die Schlinge langsam zuzieht. Das ist ein weiterer Grund, warum ich jetzt hier in Berlin lebe.

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Wie hat sich die israelische Gesellschaft seit dem 7. Oktober verändert?Die Mentalität der Israelis ist, dass wir Opfer sind. Es gibt diese Vorstellung, wir lebten immer noch nur wenige Minuten nach dem Zweiten Weltkrieg, nach dem Holocaust und der „Endlösung“. Es gibt Antisemitismus in der Welt. Und Israel – so dachten wir – sei der einzige Ort, an dem Juden wirklich sicher sind. Wir als jüdisches Volk müssten uns mit einer Armee und Atomwaffen schützen, müssten ständig vorbereitet sein, weil es Länder und Regime gibt, die versuchen, den israelischen Staat oder sogar das jüdische Volk auszulöschen. Wir dachten, Israel sei der sicherste Ort der Welt. Aber offenbar ist es das nicht. Nach dem 7. Oktober konnte man tausendfach lesen, es habe sich um das größte Massaker an Juden seit dem Holocaust gehandelt. Das hat die Wahrnehmung der Israelis von sich selbst verändert. Wir dachten, Israel sei ein sicherer Ort. Aber tatsächlich ist es für einen Juden sicherer, in Schöneberg zu leben.

Und was folgte daraus politisch?Getrieben von einem starken Rachegefühl hat Israel beschlossen, einen Krieg gegen Gaza zu führen. Dieser entspricht nicht dem........

© Berliner Zeitung