Zur Stellung mit den Frauen
Am Kasernengelände herrscht schon geschäftiges Treiben. Kurz vor 7 Uhr checke ich in St. Pölten ein. Mehrere Menschen in Tarnuniform erwarten mich bereits. Ob mir da ein Gefreiter, ein Korporal oder ein Major die Hand entgegenstreckt? Keine Ahnung. Ich werde in diesen eineinhalb Tagen viel über das Bundesheer lernen – und das Bundesheer über mich.
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Denn ich unternehme einen Selbstversuch und gehe als Frau zur Stellung. Ich will mehr über eine Idee in Erfahrung bringen, die auf politischer Ebene schon seit Längerem zirkuliert. Der viel diskutierte Bericht der Wehrdienstkommission regt „in absehbarer Zeit“ an, „die Möglichkeiten einer verpflichtenden Gesundheitsuntersuchung für Frauen zu prüfen” oder gar die „Stellungspflicht” auf Frauen auszuweiten. Auch das Regierungsprogramm hält den „Ausbau der Stellungsstraße des Bundesheeres zur Gesundheitsstraße auch für Frauen“ fest.
Aber was taugt dieses Vorhaben aus der Sicht einer Frau? Und was taugt diese Frau?
An diesem Morgen Anfang Juni bin ich spät dran, typisch Zeitoptimistin. Hastig schiebe ich mein medizinisches Formular über den Empfangstresen der Stellungskommission Niederösterreich. Eine Soldatin händigt mir einen Spindschlüssel samt Zimmernummer aus. Die Chance, einmal in einer Kaserne zu übernachten, will ich nutzen. Ich wende mich schon wieder ab, als der Soldatin auffällt: „Da fehlt die zweite Seite!“ Es ist zu früh für gute Ausreden und zu spät für Seite zwei.
Um Punkt 7 Uhr sitze ich mit vier weiteren Frauen um die 20 sowie 50 stellungspflichtigen Burschen des Jahrgangs 2008 aus dem Bezirk Gänserndorf im Versammlungsraum. Dass ich mit Ende 20 die älteste Kandidatin bin, macht sich spätestens bei der Auswahl der Sportkleidung bemerkbar. Im Gegensatz zur Jugend entscheide ich mich für eine möglichst anliegende Passform. Einen Teil der Tests müssen wir in einheitlichen T-Shirts und Sporthosen, bedruckt mit Bundesheer-Logo, absolvieren.
Selbstversuch mit Aufpasser
Diese Regel gilt auch für mich. Mit meinem Selbstversuch bewege ich mich als Journalistin auf dünnem Eis. Einerseits will ich mir einen möglichst realistischen Eindruck von dem Prozedere verschaffen. Andererseits muss ich die Abläufe mit professioneller Distanz betrachten. Ausschließen, dass in diesen Tagen erhöhte Sensibilität herrscht, kann ich nicht. Verteidigungsministerium und Bundesheer wissen von meiner Anwesenheit und haben mir einen Pressesprecher zur Seite gestellt, der während der Stellung ebenfalls vor Ort und bei Interviews mit Bundesheerangehörigen dabei ist.
So auch bei der Einführung. Während ich hastig Seite zwei ausfülle, werden wir über den Ablauf des Stellungsverfahrens, Jobaussichten beim Bundesheer und einen pikanten Abschnitt aus dem Wehrgesetz unterrichtet – wer bei der Stellung etwa die Tests verweigert, dem droht eine Geldstrafe von bis zu 700 Euro. Zuhausebleiben hätte gar bis zu 7.000 Euro gekostet. Details, die derzeit nur für männliche Staatsbürger relevant sind. Für sie gilt ab 18 Jahren die Wehr- und damit auch die Stellungspflicht.
Türöffner Tauglichkeit
Die vier Niederösterreicherinnen sind jedenfalls nicht nach St. Pölten gekommen, weil sie müssen, sondern weil sie wollen. Oberstleutnant Thomas Kranawetter, Leiter der Stellungskommission, erzählt im Interview: „Ich habe den Eindruck, dass die Frauen, die zu uns kommen, interessierter und besser informiert sind. Männer lassen das Prozedere einfach über sich ergehen.“
Eine der Kandidatinnen für den „freiwilligen Grundwehrdienst“ ist die 20-jährige Lara. Seit sie 16 ist, arbeitet sie als Fachassistentin in einer Zahnarztpraxis: „Jetzt möchte ich aber noch was anderes ausprobieren.“ Ihre Neugierde hätten bereits die Soldatengeschichten von ihrem „Urli-Opa“ und Veranstaltungen wie Blaulichttage und der „Girls’ Day“ des Bundesheers geweckt, positive Erfahrungen ihres Umfelds mit dem Bundesheer ihren Wunsch gefestigt.
Lara wirkt an diesem Morgen cool und ausgeglichen. Wie sie später erzählen wird, sei sie aber sehr nervös gewesen: „Ich war mir nicht sicher, ob ich meine beste Leistung abrufen kann.“ Am Vortag hatte sie ihre Periode bekommen. Kommt das Bundesheer zum Schluss, dass Lara tauglich ist, stehen ihr viele Türen offen. Dafür muss sie sich der Stellung unterziehen, die überwiegend dem Verfahren für ihre wehrpflichtigen Landsmänner rund um den 18. Geburtstag entspricht. Trotzdem gibt es Unterschiede.
Zu fünft werden wir nach der Einführung in einen separaten Raum geführt. Später werden dort von einer medizinisch ausgebildeten........
