Wenn Trump gegen Godzilla kämpft
Kermit und Miss Piggy ziehen dem König-Präsidenten eins über. Und noch eins, und noch eins. Immer wieder schlagen sie auf ihn ein. Ohne erkennbare Wirkung. Der Mann rührt sich nicht. Mehr noch, er scheint nicht einmal zu bemerken, dass da etwas in Gange ist. Aber so ist er eben, dieser König-Präsident: er sieht nichts, er hört nichts, er merkt nichts. Er ist mit seiner Wiederwahl beschäftigt. "Unser Land ist nicht groß genug? Millionen von Stimmen! Sie müssen sofort mit dem Auszählen aufhören", ruft er.
In der schrillen Groteske "Monster's Paradise" von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek, die nun nach der Hamburger Uraufführung am Opernhaus Zürich ihre Schweizer Erstaufführung erlebte, hat der König-Präsident keinen Namen. Braucht er auch nicht. Es ist eh klar, wer gemeint ist, selbst wenn die Maske dem Darsteller Georg Nigl keine orange Föhnwelle verpasst hat (Ausstattung: Rainer Sellmaier). Dafür tobt der Bariton durch die Register, seine Stimme überschlägt sich – während hinter ihm in der Ecke eine perfekt gekleidete Dame steht. Reglos, den breitkrempigen Hut tief ins Gesicht gezogen. Keinerlei Mimik verrät sie – und genau deswegen erkennt man sie. Erst als der König-Präsident ruft "Jetzt sucht mir schnell eine neue Frau, die die Massen noch nicht kennen", schreckt sie auf.
Es sind kleine Momente wie dieser, die an diesem Abend immer wieder für einen kurzen Lacher sorgen. Dabei hat Regisseur Tobias Kratzer längst nicht alles szenisch ausbuchstabiert, was in Text und Musik an Anspielungen, Referenzen und Zitaten angelegt ist. Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ist für ihre assoziations- und anspielungsreichen Texte bekannt; ähnlich verfährt auch ihre Landsfrau Olga Neuwirth in der Musik. In schnellen Schnitten lässt sie Welten aufeinanderprallen, kombiniert Banales mit Avantgarde, lässt Blaskapellen aufziehen, zitiert Bach-Passion und Schubert ebenso wie amerikanische Folklore, arbeitet mit Stimmverzerrer und baut bedrohliche Filmmusik-Kulissen auf. Es ist ziemlich viel, was die Autorinnen hier zu einem Musiktheaterabend verdichtet haben und in Anlehnung an die frühe französische Schockästhetik als "Grand Guignol Opéra" bezeichnen.
Und dann sind da noch die Film-Referenzen. Neuwirth hegt eine Vorliebe für filmischen Trash. "Monster's Paradise" ist nicht zuletzt eine musiktheatralische Hommage an das Genre der Godzilla-Filme. Das aus einem Atom-Unglück geborene Monster heißt bei Neuwirth/Jelinek Gorgonzilla und tritt nun gegen den König-Präsidenten an. Um sich an die Kult gewordene billige Filmästhetik anzunähern, muss die Gorgonzilla-Darstellerin Anna Clementi in einem schweren Gummikostüm spielen. Die Südsee-Insel, auf der das Monster lebt, sieht aus, wie von der Augsburger Puppenkiste erdacht. Das Plastikfolien-Meer wird von Statisten händisch auf- und abbewegt.
Also Donald Trump gegen Godzilla. Das ist im Grunde genommen der Kern der Handlung. Wobei sich natürlich die Frage stellt, wer hier das größere Monster ist. Letztlich wird Gorgonzilla den König-Präsidenten erledigen – oder zumindest überleben, schließlich hat es als strahlendes Atomwesen ja mehr Lebenszeit. Sogar noch mehr Zeit haben Vampi und Bampi, die als Vampirinnen unsterblich sind und seit jeher das Kommen und Gehen jeglicher Machthaber beobachten. Mit ihnen beginnt das Stück, mit ihnen endet es.
Vampi und Bambi erwarten den Weltuntergang in Form des Klimakollapses. Sie machen sich noch einmal auf in die Welt, treffen auf den König-Präsidenten und auf Gorgonzilla, sie kommentieren das Weltgeschehen, versuchen sich hier und da einzumischen. Erfolglos freilich, schließlich sind sie – dieser feministische Seitenhieb muss sein – Frauen und werden als solche nicht gehört; überdies sind sie zu alt, um noch gesehen zu werden. Ihre Machtlosigkeit wird nur noch getoppt von "The Goddess", die immer mal wieder in Gestalt von Charlotte Ramplings Gesicht im Deckengewölbe des Opernhauses erscheint, um warnende Worte an die Menschheit zu richten. Auch diese ziehen ungehört vorüber.
Dramaturg Christopher Warmuth bezeichnet Vampi und Bampi als Avatare der beiden Autorinnen. Und Jelinek bestätigt diese Lesart im Interview: "Ja, wir haben uns selbst hineingeschrieben, zwei Insektenforscherinnen, die sich in diesem System, das nicht ihres ist, orientieren müssen." Konsequenterweise tauchen Vampi und Bampi in Kratzers Inszenierung auch erkennbar als Jelinek und Neuwirth auf: rothaarig die eine, schwarzer Wuschelkopf die andere. Sie werden sogar verdoppelt, in zwei Schauspielerinnen, die auch singen (Sylvie Rohrer und Ruth Rosenfeld), und zwei Sängerinnen, die auch schauspielern (Sarah Defrise und Kristina Stanek).
Auch wenn Vampi und Bampi keinen Einfluss auf das Geschehen nehmen, ihren Zynismus lassen sie sich nicht nehmen. Sie ziehen stänkernd und kommentierend durch die Welt und geben mal mehr, mal weniger sinnige und zusammenhängende Dinge von sich. Leider gilt ihr Problem des Nicht-Gehörtwerden auch für diese Inszenierung. Vieles von dem Textfluss der beiden Vampirinnen versackt förmlich im Bühnendunkel, bleibt unterbelichtet, zu wenig pointiert, während die Regie damit beschäftigt ist, die eigentlich uninszenierbaren Bühnenanweisungen des Librettos irgendwie szenisch zu realisieren.
Das gelingt ihr mithilfe von Videos (auch Live-Videos) alles in allem auch sehr gut. Insbesondere die Godzilla-Szenen und das abschließende Video, in dem die beiden Vampirinnen auf einem Floß treibend auf einem verstimmten Bösendorfer Schubert spielen, machen Eindruck (wobei diese Kulmination österreichischer Kultur in der Schlussszene schon wieder etwas herrlich Ironisches hat).
Der Höhepunkt des Stücks sind freilich die Szenen mit dem König-Präsidenten und seinen zwei unterwürfigen Adlaten Mickey und Tuckey, die von den beiden Countertenören Andrew Watts und Eric Jurenas in Szene gesetzt werden. Auch die Zombie-Meute, die den Königshügel stürmt, darf nicht fehlen. Der König-Präsident aber bläst sich immer mehr auf, bis er wie eine riesige Gummipuppe seinen goldenen Palast ausfüllt. Sobald er weg ist, ist allerdings weitgehend die Luft raus aus dem Stück, auch wenn Dirigent Titus Engel mit dem Orchester der Oper Zürich (ergänzt um den Schlagzeuger Lucas Niggli und den E-Gitarristen Seth Josel) bis zum Schluss alles gibt. Was bleibt, ist eine gewisse Ratlosigkeit.
Vielleicht aber war genau das das Anliegen. Sie habe, so Olga Neuwirth, ein "überdrehtes Rätsel" schreiben wollen, "weil die realen Verhältnisse die Grenzen der Vernunft bereits überstiegen haben." Dem ist wenig hinzuzufügen.
Weitere Aufführungen: 14. und 18. März; 10. und 12. April. Infos: www.opernhaus.ch
Die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek (*1946 in der Steiermark) und die Komponistin Olga Neuwirth (*1968 in Graz) verbindet eine langjährige Zusammenarbeit. Ihr erster gemeinsamer Erfolg war das abendfüllende Musiktheater „Bählamms Fest“ (1999) nach einem Theaterstück von Leonora Carrington. 2003 wurde „Lost Highway“ uraufgeführt. Vorlage war der gleichnamige Film von David Lynch. Für „Monster‘s Paradise“ hat das Autorinnenduo das Libretto gemeinsam verfasst und sich als Vampirinnen „Vampi“ und „Bambi“ selbst in den Text hineingeschrieben. Der Regisseur Tobias Kratzer lässt sie entsprechend auf der Bühne optisch erkennbar werden. (esd)
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