Patrice Lumumba: Ein Fetzen Gerechtigkeit nach mehr als 60 Jahren
Es ist eine historische Entscheidung, die ein Brüsseler Gericht am Dienstag gefällt hat. Und dabei ist es noch nicht einmal eine Verurteilung, sondern bloß die Entscheidung, eine Klage überhaupt zuzulassen. Die Familie des kongolesischen Unabhängigkeitskämpfer Patrice Lumumba versucht seit 2011, die belgischen Mitverantwortlichen seiner Ermordung vor Gericht zu bringen. Jetzt, 15 Jahre später, ist die Entscheidung des Gerichts gefallen. Die Klage ist zulässig, und der belgische Diplomat Étienne Davignon muss sich dem Vorwurf der Mittäterschaft an Kriegsverbrechen stellen.
Die Annahme der Klage ist historisch so wichtig wie überfällig und bitter. Es handelt sich um die erste strafrechtliche Verfolgung eines Kolonialverbrechers. Dass die Verbrechen, die die belgische Kolonialmacht im Kongo begangen hat, ungestraft geblieben sind, ist nicht Ausnahme, sondern Regel. Lumumbas Ermordung mit belgischer Beteiligung fand statt, als die heutige demokratische Republik Kongo bereits unabhängig war. Doch Belgien wollte sich den weiteren Zugriff auf die Ressourcen des Landes sichern – da stand Lumumba im Weg. Die belgische Armee ist dehalb erneut in das zentralafrikanische Land einmarschiert.
Eine Untersuchungskomission der Regierung in Brüssel hat die moralische Schuld Belgiens an der Ermordung Lumumbas 2001 festgestellt, eine juristische allerdings abgelehnt. Doch wo es einen Mord gab, gab es auch Mörder. Und deshalb beschloss die Familie Lumumba, weiter zu kämpfen. Im Januar dieses Jahres hat sie in einer Mitteilung daran erinnert, »dass die Wahrheit nicht zufrieden sein kann mit einer Erklärung ohne jegliche juristische Konsequenzen«. Ein ersten Schritt in Richtung juristischer Konsequenzen stellt die jetzige Klageannahme dar.
Davignon war in den 1961 als belgischer Diplomatenanwärter im Kongo. Oft wird er fälschlicherweise als »Praktikant« bezeichnet. Doch er war ein Referendar und mit seinen 28 Jahren damals durchaus diplomatisch tätig. 1961 schrieb er in einem Telegram: Der bereits im Hausarrest befindliche Lumumba sei noch nicht »unschädlich gemacht« und »Das vorrangige Problem scheint daher zu sein, Lumumba kalt zu stellen«.
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Patrice Emery Lumumba war der erste demokratisch gewählte Ministerpräsident des Kongo. Er hat das Land in die Unabhängigkeit geführt, nach fast 100 Jahren grausamer Kolonialherrschaft Belgiens, die als »Kongo-Gräuel« in die Geschichte eingingen. Von Belgien befeuerte innenpolitische Auseinandersetzungen führten aber bald nach seinem Amtsantritt zu einem Militärputsch und der Ermordung Lumumbas. Seine Leiche wurde zerstückelt und in Säure aufgelöst, seine Hinterbliebenen konnten keine sterblichen Überreste zu Grabe tragen.
In den 90er Jahren brüstete sich dann ein belgischer Polizeikomissar damit, bei der Vernichtung der Leiche eine Trophäe aufbewahrt zu haben: zwei Zähne, die er im Fernsehen zeigte. Und einen Finger, den nie jemand zu Gesicht bekommen hat. Die Familie hat seitdem für die Rückgabe der sterblichen Überreste gekämpft. 2022 wurde einer der Zähne in einer Zeremonie zurückgegeben, für Lumumba wurde in Kinshasa eigens ein Mausoleum errichtet.
20 Jahre hat es gedauert, um von dem makabren Fernsehauftritt zur Bestattung zu kommen. Und über 60 Jahre nach dem Mord, um eine Klage anzunehmen gegen den letzten überlebenden Mittäter. Ein winziger Fetzen Gerechtigkeit in einer zutiefst ungerechten, gewaltvollen Realität.
Doch auch dieser winzige Fetzten ist wichtig. Er sorgt nicht zuletzt dafür, dass Lumumba und das, wofür er kämpfte, nicht in Vergessenheit gerät. Wolfgang Kaleck, der Anwalt der Familie Lumumba und Generalsekretär des European Center for Constitutional and Human Rights drückt das so aus: »Einer der wichtigsten und folgenreichsten politischen Morde des letzten Jahrhunderts, einer den der afrikanische Kontinent nicht vergisst, soll auch in Europa nicht vergessen werden.«
