We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close
Aa Aa Aa
- A +

Evidenzbasierter Rassismus – Algorithmen sind immer nur so schlau wie die Daten, auf denen sie beruhen

3 3 0
06.07.2019

Wer hat nicht Mühe mit seinem eigenen Rassismus? Uns unterläuft wiederkehrend das, was ich den Fehlschluss der rassistischen Induktion bezeichne: Wir schliessen von der «Evidenz» der Hautfarbe – oder allgemeiner: der äusseren Erscheinung – eines Menschen auf seine gesellschaftliche Stellung, seinen Beruf, sein Inneres. John Hope Franklin, Geschichtsprofessor an der Duke University in North Carolina, gab 1995 ein Abendessen in einem Privatklub in Washington. Seiner schwarzen Hautfarbe wegen hielt ihn eine Angestellte für ein Mitglied des Personals (Franklin wurde übrigens 1962 das erste schwarze Mitglied des Klubs).

Man schiebe solche Vorfälle nicht leichthändig ab auf eine «typisch» amerikanische Mentalität. Ich erinnere mich noch an die fünfziger Jahre, als man nicht selten hörte: Aha, Italiener, arbeitest du auf dem Bau? Die ETH-Professorin für Umweltwissenschaft, Nina Buchmann, erzählte jüngst in einem Interview ein aktuelles Müsterchen dieses Fehlschlusses. Sie habe oft darauf hinweisen müssen: «Nein, ich bin nicht die Sekretärin von Professor Buchmann. Ich bin Professor Buchmann.» Auch hier der Fehlschluss: Aha, eine Frau, also eher Sekretärin als Professorin.

Frau Buchmann nennt dies ein «Missverständnis». Aber der Fehlschluss ist nicht harmlos. Wer seine Logik allein auf die Basis der Evidenz abstellt, betrachtet den Menschen als «von aussen» beschreibbares Objekt. Man nimmt ihn nicht als Person wahr, sondern als «Evidenz» für bestimmtes Verhalten. Natürlich sagen uns die Logiker, dass die Evidenz stets unvollständig bleibt und keinen zwingenden Schluss zulässt; es können zur schwarzen Hautfarbe noch so viele «evidenzielle» Merkmale treten. Das Problem aber ist der Anspruch, ja die Anmassung, einen Menschen durch induktiven Indizienbeweis als den zu «überführen», der er ist.

Wir kennen diese Anmassung aus der Literatur: die Sherlock-Holmes-Methode. Bei aller Brillanz seiner Gedankenführung erscheint uns der fiktive Meisterdetektiv irgendwie unheimlich: seine kalte Hybris, durch kalkulierende........

© Neue Zürcher Zeitung