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2020 – Corona und der Widerstand

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26.12.2020

Das erste Coronajahr hat Menschen auf die Straße gebracht, die in einem ihnen eigenen unheiligen Ernst glauben, sie müssten sich gegen eine Diktatur zur Wehr setzen. Der Begriff des Widerstands feiert fröhliche Weihnachten. Eine Kolumne von Heinrich Schmitz

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht

Diese Parole soll von Bertolt Brecht stammen. Es ist eines der bekanntesten Zitate, die von ihrem vermeintlichen Urheber vermutlich nie geäußert wurden. Eine Quelle für diese Zuschreibung habe ich nirgendwo gefunden, dafür aber etwas anderes:

Wenn man diesen Spruch im Internet sucht, erhält man ca. 399.000 Treffer. Vor 6 Jahren waren es noch 255000. Und wenn man sich ein paar davon ansieht, dann stellt man erstaunt fest, dass dem unbekannten Erfinder dieser Weisheit offenbar eine Universalparole gelungen ist. Den Spruch kann jeder brauchen, egal ob es gegen Atomkraftwerke, Abtreibung, Ausländer, Ausländerhasser, Abgabenordnung, Asylrecht – mal nur für den Buchstaben A – oder was auch immer gehen soll. Selbst die NPD hat den Spruch schon eingesetzt. Gerade die, bei denen verfassungsfeindliche Ziele Programm sind. Erstaunlich, wenn die Braunen sich auf Brecht berufen – vielleicht wissen die ja, von wem das Zitat wirklich ist. Auch bei der AfD wird der Spruch selbstverständlich verwendet. Aber auch auf jeder anderen anständigen Anti-Irgendwas-Demo und auch bei den Coronademos sieht man das Banner. Widerstand ist in aller Munde, Widerstand ist hip, Widerstand klingt nach Heldentum, nach Attila und Xavier, dem Retter.

Sogar das Grundgesetz kennt das Widerstandsrecht.

Art. 20 Absatz 4 GG

Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.

Endlich mal etwas, was nur für Deutsche gilt, jubilieren die Rechtsausleger und träumen schon von Bürgerwehren unter dem flatternden GG-Banner, wahlweise in blau oder braun gegen herannahende Heerscharen marodierender Ausländer oder diktatorische Virologen. Denn die gilt es ja aktiv zu bekämpfen, weil die Einen doch nur zu dem Zweck hierhin kommen, den deutschen Staat auszuplündern, sich wie die Karnickel zu vermehren, deutsche Frauen zu vergewaltigen, Männer zu hauen und die Scharia einzuführen und die anderen, um die Bevölkerung – ist das nun schon die ausgetauschte oder noch die alte – mit Impfstoffen zu chippen, um sie dann digital im Namen des Gates versklaven zu können. Da muss man doch was tun.

Deutschland verschwindet in einer Masse wilder Islamisten, wenn wir nichts dagegen unternehmen

So werden wohl auch die beiden Uwes gedacht haben, als sie ihre Mordserie durchgeführt haben. Retter der Deutschen, verkannte Helden. Oder auch Anders Behring Breivik, der zwar nicht die Deutschen, aber dafür die echten weißen Norweger erhalten wollte und dazu erst mal jede Menge von denen ermordet hat. Ja, es ist verlockend, sich unter der Fahne des gerechtfertigten Widerstands heldenhaft als Retter der Nation aufzuführen und um der guten Sache wegen hemmungslos zu morden. Jeder anständige deutsche Held hat sein Volk im Blut watend vor dem Verderben gerettet. Oder auch nicht.

Und die Verschwörungsnarrative der Covid19-Leugner schreien auch nach Helden, denn wer möchte schon sein eigenes Volk einem amerikanischen Bill überlassen oder gar dem internationalen Finanzjudentum, das eh hinter allem stecken soll? Big Data, Big Pharma und wie diese Indianerhäuptlinge alle heißen mögen. Alles bäh.

Selbst weniger tatkräftige Zeitgenossen bilden sich dann auch noch ein, sie hätten ein........

© Die Kolumnisten


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