Gideon Levy über den Iran-Krieg: „Trump und Netanjahu haben keinen Plan“
Gideon Levy ist einer der renommiertesten Journalisten Israels und einer der bekanntesten Kritiker der Regierung. Beim Treffen mit der Berliner Zeitung spricht er über den Krieg gegen den Iran, die Rolle von Donald Trump und Benjamin Netanjahu und darüber, warum der Nahostkonflikt ohne eine Lösung der Palästinenserfrage nicht beigelegt werden kann.
Herr Levy, Israel und die USA haben am vergangenen Samstag einen Krieg gegen den Iran begonnen. Was war der ausschlaggebende Grund?Netanjahu wollte die USA schon lange in einen großen Krieg gegen den Iran hineinziehen. Jetzt ergab sich die richtige Gelegenheit, als sich die Möglichkeit bot, einen großen Teil der iranischen Führung zu töten.
War die iranische Bedrohung real oder wurde sie politisch instrumentalisiert?Es war beides. Abstrakt betrachtet war sie real. Aber war sie akut? Nein. War es ein Notfall? Nein. War sie existenziell? Nein. Gleichzeitig war die Rhetorik im Iran gegenüber Israel immer sehr hart. Der Iran hat all diese Proxys rund um Israel finanziert und aufgebaut, und das war durchaus beunruhigend. Keiner von ihnen stellte jedoch eine existenzielle Bedrohung für Israel dar. Ich denke, ein gutes Abkommen hätte einen Teil des Problems lösen können. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Krieg das lösen wird.
Meinen Sie, die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran in Genf hätten diesen Krieg verhindern können?Ich weiß es nicht, weil ich nicht weiß, was dort genau gesagt wurde. Ich bin sicher, dass man mehr Aufwand hätte hineinstecken sollen. Vielleicht hätte nach einer weiteren Runde oder zwei oder drei Runden eine andere Realität entstehen können. Aber wer weiß? Darüber zu spekulieren ist sehr schwierig, weil wir nicht wissen, was dort wirklich passiert ist. In jedem Fall würde ich aber immer ein Abkommen einem Krieg vorziehen.
Der Angriff fand statt, obwohl eigentlich am Montag eine weitere Verhandlungsrunde geplant war. Glauben Sie, dass die Vereinigten Staaten jemals ernsthaft Diplomatie verfolgen wollten?Vielleicht haben sie der Diplomatie eine Chance gegeben, nur um das Gesicht zu wahren. Vielleicht wäre es für die Amerikaner zufriedenstellend gewesen, wenn die Iraner in den Gesprächen wirklich kapituliert und zumindest ihr Nuklearprogramm aufgegeben hätten. Ich kann nicht in ihre Köpfe schauen, besonders wenn nur eine Person entscheidet – Donald Trump. Es ist also sehr schwer zu sagen. Aber ich hätte der Diplomatie eine größere Chance gegeben. Ich weiß, dass die beiden amerikanischen Unterhändler, Witkoff und Kushner, stark auf Diplomatie gedrängt haben. Aber Trump hat einen anderen Weg gewählt.
Ist die westliche Iranpolitik der vergangenen Jahre – besonders die Sanktionen – gescheitert?Sie sind nicht gescheitert. Sie haben ihr Ziel nur nicht erreicht. Vielleicht waren sie nicht hart genug und vielleicht kann ohnehin nichts die iranische Politik von außen verändern. Aber warum sollten wir glauben, dass ein Krieg das ändern wird?
Trump sagt, der Krieg diene amerikanischen Interessen. Außenminister Rubio behauptet, der Krieg werde wegen Israel geführt. Wer sagt die Wahrheit?Es kann wieder beides sein. In Trumps Kopf ist Israel ein amerikanisches Interesse. Der Krieg kann wegen Israel geführt werden und trotzdem amerikanischen Interessen dienen. Ich sage nicht, dass das tatsächlich der Fall ist, aber ich kann mir beides vorstellen. Die Frage ist, wie er enden wird. Jetzt ist es sehr leicht, den Krieg und die militärischen Erfolge zu loben. Lassen Sie uns sehen, wie er endet. Dann werden wir wirklich wissen, ob es sich gelohnt hat oder nicht.
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