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Irans Krieg, Putins Jackpot: Wie die neue Krise Russland stärkt und die Ukraine ins Abseits drängt

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11.03.2026

Alle Augen auf den Iran, die Ukraine gerät stattdessen in den Hintergrund. Die diplomatischen Bemühungen um ein Ende des Krieges in Osteuropa geraten ins Stocken, und ausgerechnet Russland könnte am Ende von der neuen geopolitischen Lage profitieren.

Seit den gemeinsamen Angriffen der USA und Israels auf iranische Ziele hat sich die internationale Aufmerksamkeit deutlich verschoben. In der „Tagesschau“, im Radio oder in den sozialen Medien wird seit Tagen über Teheran, Tel Aviv und die Straße von Hormus berichtet. Der Donbass oder die Lage in der Hauptstadt Kiew wurden medial zur Seite geschoben. Die geplante nächste Runde der trilateralen Gespräche zwischen den USA, Russland und der Ukraine wurde ebenso kurzfristig verschoben.

„Der Fokus unserer Partner liegt derzeit auf der Situation im Iran“, räumte auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ein. Ein neuer Termin für Verhandlungen steht bislang nicht fest.

Iran und Ukraine: Russland gewinnt Zeit und Geld

Für den Kreml kommt diese Entwicklung nicht ganz ungelegen. Schon vor der Eskalation im Nahen Osten zeigte sich Präsident Wladimir Putin wenig begeistert von den Gesprächen über eine Waffenruhe in der Ukraine. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte nun nüchtern: „Aus objektiven Gründen gibt es eine Pause.“

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Russland könne sich diese Pause leisten, hört man aus diplomatischen Kreisen. Denn die geopolitische Krise im Mittleren und Nahen Osten treibt die Energiepreise rapide nach oben – und damit auch die Einnahmen des russischen Staates. Als einer der größten Energieexporteure der Welt profitiert Moskau unmittelbar von steigenden Ölpreisen.

Sollte der Konflikt im Nahen Osten länger andauern oder wichtige Transportwege wie die Straße von Hormus weiter beeinträchtigen, könnte Russland für viele Länder – besonders für China – noch wichtiger werden. Selbst innerhalb der EU gibt es bereits Stimmen, die eine Lockerung der Sanktionen gegen russische Energie fordern. Der Putin-Berater Kirill Dmitrijew schrieb auf X, dass es nur noch eine Frage der Zeit sei, bis die Europäer wieder um günstige russische Energie betteln würden. Ungarns Regierung von Viktor Orbán etwa hat die EU aufgefordert, die Beschränkungen für russisches Öl und Gas aufzuheben, um mögliche Energieengpässe zu verhindern.

Während Russland wirtschaftlich durch die steigenden Ölpreise gestärkt wird, wächst der politische Druck auf Kiew. US-Präsident Donald Trump macht Selenskyj offen für den Stillstand im Ukraine-Krieg verantwortlich. „Selenskyj muss endlich handeln und einen Deal machen“, sagte Trump vor wenigen Tagen. „Er hat keine Karten und jetzt hat er noch weniger.“

Nach Angaben aus Washington soll Kremlchef Putin grundsätzlich zu einem Abkommen bereit sein. Moskau knüpft dieses jedoch weiterhin an weitreichende Bedingungen, darunter den Abzug ukrainischer Truppen aus Teilen des Donbass. Eine Forderung, die die Verantwortlichen am Dnjepr strikt ablehnen.

Ukraine: Auf einmal genug Waffen, sogar für Jordanien?

Angesichts der neuen geopolitischen Lage versucht Selenskyj offenbar, die Aufmerksamkeit der Amerikaner zurückzugewinnen. Dabei setzt der ukrainische Staatschef auf eine ungewöhnliche Strategie. Er bietet militärische Unterstützung für die USA im Nahen Osten.

Der ukrainische Präsident schlug vor, ukrainische Spezialisten im Kampf gegen Drohnen zur Verteidigung amerikanischer Stützpunkte im Persischen Golf einzusetzen. In einem Interview erklärte er sogar, ukrainische Anti-Drohnen-Teams seien bereits „auf Anfrage Washingtons“ nach Jordanien entsandt worden. Eine offizielle Bestätigung aus den USA gibt es bislang allerdings nicht.

Selenskyj verfolgt damit zwei Ziele. Erstens hofft Kiew, durch leichte militärische Hilfe für die Vereinigten Staaten weiterhin Waffenlieferungen für sich zu sichern. Die Ukraine benötigt laut eigenen Angaben insbesondere Raketen für die ukrainische Luftverteidigung. Zweitens könnte die Ukraine versuchen, sich als unverzichtbaren militärischen Partner der USA zu präsentieren, um politischen Rückhalt in Verhandlungen gegen Russland zu gewinnen.

Doch diese Strategie birgt Risiken. Denn während ukrainische Spezialisten möglicherweise im Nahen Osten eingesetzt werden, dauern die russischen Drohnenangriffe auf ukrainische Städte unvermindert an. Schon jetzt wird – und zwar nicht nur – in der Ukraine gefragt, warum versprochene Abfangdrohnen und neue Verteidigungssysteme nur langsam an der Front auftauchen. Das Abziehen von Personal oder Technologie in ein anderes Kriegsgebiet, weit weg von der Donbassfront, könnte die Lage im kriegsgebeutelten Land zusätzlich verschärfen.

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Die größte Gefahr für Kiew liegt jedoch auf einer strategischen Ebene, heißt es in Sicherheitskreisen. Wenn sich die geopolitische Lage dauerhaft verändert, könnten sich auch die Prioritäten des Westens verschieben. Sollten nämlich steigende Energiepreise Europa stärker unter Druck setzen, könnte die Unterstützung für die Ukraine bröckeln. Gleichzeitig wächst Russlands Bedeutung als Energielieferant.

Für Selenskyj bedeutet das eine neue Realität. Der Krieg in der Ukraine steht nicht mehr automatisch im Zentrum der internationalen Politik. Und je länger sich der Krieg im Iran hinzieht, desto schwieriger könnte es für die Ukraine werden, die bisherige Unterstützung ihrer Alliierten aufrechtzuerhalten.


© Berliner Zeitung