Der Untergang und die Wiederauferstehung von Warschau: Fotoausstellung im Pilecki-Institut
Zwei Jungs lassen sich vom Sonnenlicht bescheinen, beide haben ein Lächeln im Gesicht, der eine kneift die Augen zusammen. Sie könnten, stünden sie wirklich im Pilecki-Institut am Pariser Platz, das Brandenburger Tor sehen, aber sie hängen nur als Foto im Fenster. Mit dem optimistischen Bild verweist das Kulturzentrum auf seine neue Ausstellung „Warschaus Neuanfang 1945–1949. Fotografien vom Leben in den Trümmern“.
Im Frühjahr 1945 war Warschau praktisch unbewohnbar, nicht mehr als Stadt zu erkennen. Die wenigen Menschen, die sich dort noch aufhielten, nannte man „Robinsons“. Die wenigsten Bauwerke verdienten noch den Namen Haus, 85 bis 90 Prozent waren zu Ruinen, Stümpfen, Geröllhaufen gemacht worden.
Die Wut der Deutschen
Seit 1939 hatte die deutsche Wehrmacht Bomben auf die Stadt geworfen. Auf den Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 reagierten die deutschen Besatzer mit einer Wut, die nicht nur gegen die widerständigen Menschen, sondern auch gegen ihre Behausungen gerichtet war. Als sich dann auch noch im August 1944 die Bevölkerung erhob, angeführt durch die Heimatarmee, befahl Adolf Hitler die Vernichtung der Stadt. Maschinen aus Betrieben und Kulturgüter wurden zuvor nach Deutschland verschleppt.
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Die Kuratorinnen Anna Brzezińska und Katarzyna Madoń-Mitzner haben aus der 18 Millionen Fotos umfassenden Sammlung der Polnischen Presseagentur die Bilder der Jahre 1945 bis 1949 gesichtet und ihre Auswahl zuerst im Haus der Begegnung mit der Geschichte in Warschau gezeigt. Die Berliner Platzmöglichkeiten sind offensichtlich etwas geringer, die Stellwände sind so arrangiert, dass man durch schmale Labyrinth-Gänge geleitet wird, damit möglichst viel gezeigt werden kann. Ihren Endpunkt 1949 haben sie bewusst gesetzt, sagten die Kuratorinnen zur Eröffnung am Dienstagabend, weil die Fotoreporter bis dahin noch relativ frei arbeiten konnten – „danach griff die stalinistische Zensur“.
Das heißt auch, dass die Lebensfreude, die aus sehr vielen der gezeigten Beispiele spricht, noch unverstellt ist. Man sieht Menschen zwischen Ruinen tanzen, gut gekleidet. Es gibt Trümmerfrauen bei einer Pause am Rand von Ziegelhaufen, schwatzend, mit Suppentellern in den Händen. Eine junge Frau mit Bikinioberteil und kurzer Hose trägt ein Käppi mit der dänischen Flagge auf dem Kopf. Zu diesem Foto aus dem Juli 1948 informiert der Text: „Gruppen von Jugendlichen aus kommunistischen Organisationen aus Dänemark, Norwegen, Ungarn und Finnland“ halfen bei der Beseitigung der Trümmer mit.
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Zum Schuljahresbeginn am 6. September 1947 sieht man Jugendliche in losen Zweier- und Dreierreihen einem Ziel zustreben. Im Bildhintergrund liegen die Schuttberge des Ghettos, darauf stehen locker etliche Gestalten, die Spaten und Spitzhacken wie zum Gruß schwenken. Dass Kinder in der Lage sind, noch in Dreck und Ödnis zum gemeinsamen Spiel zu finden, weiß man. Dennoch rühren die Fotos fröhlicher Mädchen und Jungs an, die sie vor zerbombter Kulisse oder badend in der Weichsel neben geborstenen Brückenteilen zeigen. Zu einem Bild eines bezopften Mädchens, das wie in Trauer auf die Puppe in seinem Schoß hinunterschaut, sagen die Kuratorinnen sogar, dass dies womöglich gestellt wurde.
Mit Blumenstrauß im Ruinenhaus
Die Ausstellung ist um größtmögliche Genauigkeit bemüht. Straßennamen führen den Ortskundigen vor Augen, welche Verwandlung zum Chaos und wieder zurück geschehen ist. Zu dem Foto einer Kleinfamilie am gedeckten, sogar mit Blumenstrauß geschmückten Tisch in einem Zimmer, dem die Wand zur Straße fehlt, heißt es, dass es in der Grazyny-Straße Nr. 3 durch ein Loch in der Wand aufgenommen wurde. Manchmal ist es erst der Bildtext, der den Schrecken zeigt. Zu einer Szene mit Menschen vor einer Grube in der Wspólna-Straße 29 und 31 wird erklärt: „Exhumierung von Leichen der Opfer des Warschauer Aufstands, die auf dem Bürgersteig vor den Wohnhäusern im Stadtzentrum begraben wurden.“
Es ist sehr besonders, dass hier, nicht weit entfernt vom ehemaligen deutschen Reichstag, dem Zentrum deutscher Politik, nun diese Bilder hängen. Sie lassen einen schaudern und machen doch auf merkwürdige Weise glücklich. Die Warschauer haben es geschafft, nach dem Krieg ihre Stadt wieder schön und lebenswert zu machen. Hanna Radziejowska, die Leiterin des Pilecki-Instituts, lenkte denn auch den Blick auf die Ukraine: „Freiheit liebende Nationen haben immer eine Zukunft“, sagte sie.
Warschaus Neuanfang 1945–1949. Bis Ende August. Pilecki-Institut Berlin, Pariser Platz 4a, 10117 Berlin
