menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Was deine Rocklänge mit der Wirtschaft zu tun hat

9 0
05.01.2026

Im Fitnessstudio läuft auf einem Screen über den Laufbändern dieser Sender mit dem F in einem Eck, auf dem gefühlt immer perfekte Menschen im perfekten Licht einen Laufsteg auf und ab laufen. Models in Mikro-Minis, bodenlangen Röcken, irgendetwas dazwischen und Outfits, die so fiktional wirken, dass man sie kaum beschreiben kann. Und daneben auf einem weiteren Screen ein Newsticker mit Nachrichten zu Teuerung, Unsicherheit, „gedämpfter Konsumlaune“. Modekanal links, Krisenstimmung rechts: Ein besseres Bild dafür, wie wir gerade leben, braucht es fast nicht.

Ein Ausdruck dieses Missverhältnisses ist der Minirockindex, einer dieser Modemythen, die klingen, als hätte sich Excel mit der Vogue ins Bett gelegt: Wenn es wirtschaftlich bergauf geht, werden die Röcke kürzer, wenn die Stimmung kippt, wandert der Saum nach unten. Rocklänge als Konjunkturbarometer ist so charmant vereinfacht, dass es fast nach Fernsehrubrik klingt: „Und nach dem Wetter, jetzt: die Röcke.“

Dazu kommen: der Unterhosenindex (Männer kaufen in Krisen weniger Unterwäsche, weil sie niemand sieht) und der Lippenstiftindex (je schlechter die Lage, desto mehr Lippenstift wird gekauft als kleiner Luxus zwischendurch).

Ökonomisch sind diese Indikatoren alle höchstens halb solide, kulturell dafür umso spannender: Es sind Popmythen, mit denen wir uns eine unübersichtliche Gegenwart in handliche, fassbare Geschichten zerlegen.

Statt „globale Lieferketten, Energiepreise, Reallohnverlust“ sagen wir doch lieber „Minirock, Unterhose, Lippenstift“? Das klingt einfacher, hat nicht diesen negativen Beigeschmack und ist sofort verständlich.

Blöd ist nur, dass die Modewelt sich gerade weigert, uns einfache Antworten zu........

© Wiener Zeitung