»Wir müssen wütender werden«
Frau Theiss, Sie leiten bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) den »Fachbereich Frauen«. Warum braucht es einen Frauenbereich?
Der Fachbereich Frauen besteht seit etwas über zwei Jahren, doch die Auseinandersetzung mit frauenspezifischen Themen ist keineswegs neu. Schon seit der Gründung der ZWST – getragen von Pionierinnen wie Bertha Pappenheim – prägen die Perspektiven von Frauen die inhaltliche Arbeit und das soziale Engagement der Organisation. Für die Praxis der Sozialen Arbeit ist es notwendig den Faktor Geschlecht als strukturellen Faktor nicht auszuklammern, um bestehende Verhältnisse nicht zu stabilisieren, sondern sie zu verändern. Angesichts wachsender Gewalt, antifeministischer und antisemitischer Mobilisierung und anhaltender Vereinbarkeitskonflikte braucht es Soziale Arbeit, die das Alltagserleben von Frauen ernst nimmt. Wer Unterstützung erhält, wer unbezahlte Sorgearbeit leistet und strukturell benachteiligt wird, ist kein Zufall, sondern Ergebnis politischer Entscheidung und gesellschaftlicher Ungleichheit. Zudem machen Frauen die Mehrheit der Gesellschaft aus und tragen den Großteil unbezahlter Sorgearbeit in Familien sowie auf dem Arbeitsmarkt. Die Einführung eines spezialisierten Frauenbereichs ist somit von entscheidender Bedeutung und stellt die Herausforderungen, mit denen wir nicht nur als Community, sondern auch als Frauen konfrontiert sind, in den Fokus.
Welche Schwerpunkte setzen Sie?
Ein besonderer Schwerpunkt des Fachbereichs liegt auf dem Themenfeld Frauengesundheit, das von Krebsvorsorge und Menopause über Fragen zu Körperbildern und Sexualität reicht. Daneben beschäftigen wir uns mit Krisenintervention, der Verschränkung von Antisemitismus und Antifeminismus sowie mit beratenden Angeboten rund um Schwangerschaft, Geburt und Maternität. Eine weitere Besonderheit des Fachbereichs liegt in der Entwicklung von Formaten durch erfahrene Expertinnen aus der Psychologie, Gynäkologie, Kardiologie und den Sozialwissenschaften in Zusammenarbeit mit Fachexpertinnen aus der antisemitismuskritischen Bildungsarbeit. Sie richten sich gleichermaßen an Gemeindemitglieder wie auch an hauptamtliche Fachkräfte, die so gezielt fort- und weitergebildet werden.
Damit sprechen Sie Themen an, die nicht nur in zunehmendem Maße öffentlich diskutiert werden, sondern die kürzlich auf der »II. Auftaktveranstaltung« des Fachbereichs debattiert wurden. Wie bewerten Sie die drei Tage?
Die drei Tage waren aufgebaut in drei Fokustage. Der erste Tag stand ganz im Sinne des Ankommens und bot ausreichend Möglichkeit, um einander kennenzulernen und erste........
