»Präsenz und Sichtbarkeit verstärken«
Herr Leicht, im vergangenen Sommer war das Institut für Judaistik an der Freien Universität (FU) Berlin in den Schlagzeilen: Angeblich stehe eine von zwei Professuren auf der Kippe. Sogar das Auschwitz-Komitee hat protestiert. Wie ist jetzt der Stand der Dinge?
Der Berliner Senat hat den Universitäten der Hauptstadt auferlegt, innerhalb der nächsten fünf Jahre Professuren und weitere Stellen im Umfang von zehn Prozent einzusparen. Dafür sind Professuren ausgewählt worden, die im Moment nicht besetzt sind. Die Universitätsleitung hat uns aber zugesagt, dass unsere zweite feste Professur, die Nachfolge von Professor Giulio Busi, der im Sommer 2025 in den Ruhestand gegangen ist, nicht gestrichen werden soll. Das war ein wichtiges Zeichen, auf das wir uns auch berufen können.
Die Aufregung war also umsonst?
Es ist bestimmt gut, dass die Öffentlichkeit Interesse demonstriert und darauf achtet, dass diese zweite Professur zügig wiederbesetzt wird. Wir als Judaistik und auch andere Interessierte werden der Universitätsleitung immer wieder deutlich machen, dass die Sache dringlich ist, dass wir diese Professur wirklich brauchen und es eine wichtige Investition in die Zukunft der FU ist, gerade in der jetzigen Situation. Dass also die Judaistik nicht zurückgefahren werden darf, sondern gestärkt werden muss.
Wie haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Studierende die Situation am Institut nach dem 7. Oktober 2023 erlebt?
Ich selbst habe das erste Jahr nach dem 7. Oktober nicht hier vor Ort miterlebt, sondern in Jerusalem, wo ich damals Leiter des »Department for Jewish Thought« an der Hebräischen Universität war. Die Protestcamps und die größten Auseinandersetzungen haben während des ersten Jahres stattgefunden. Als ich im August 2024 hier angefangen habe, wurde mir schnell deutlich, dass diese Auseinandersetzungen die Studierenden der Judaistik sehr geprägt hatten. Das war schon ein einschneidendes Erlebnis. Diese Zeltlager, die Konflikte bei Demonstrationen und Gegendemonstrationen. Und natürlich auch der Angriff auf Lahav Shapira. Seit dem Sommer 2024 sind die propalästinensischen Proteste hier auf dem Campus deutlich zurückgegangen. Hervorzuheben ist aber vor allem, dass die Judaistik selbst nie Fokus von Auseinandersetzungen war oder Ziel von Angriffen und Demonstrationen in irgendeiner Form. Unsere Büros sind offen und zugänglich. Wir haben eine Fachschaftsinitiative, die hier ihren Aufenthaltsraum unterhält. Wir haben Schwarze Bretter. Wir sind sichtbar. Wir wollen das auch sein. Es ist wichtig, dass die........
