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Vitamin-Bomben im Biergarten

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Gerstensaft fürs Gedächtnis? : Vitamin-Bomben im Biergarten

Münchner Forscher messen in verschiedenen Bieren erkleckliche Gehalte an Vitamin B6, welches unter anderem wichtig fürs Denkvermögen ist. Das erklärt vielleicht das Neolithikum, entschuldigt aber nicht alles.

Am ersten Mai heißt es wieder „Heraus in Massen“. Zumindest in München wird der alte Spruch der Arbeiterbewegung aber vielleicht etwas anders beherzigt werden, als er von den Veranstaltern von Kundgebungen am Tag der Arbeit gemeint war. Denn die Wetter-Apps versprechen schönsten Sonnenschein – und die Biergärten sind wieder geöffnet.

Da kommt eine im Journal of Agricultural and Food Chemistry veröffentlichte Untersuchung von Forschern des Lehrstuhls für analytische Lebensmittelchemie der Technischen Universität München gerade rechtzeitig. Unterstützt von der Wissenschaftlichen Station für Brauerei in München e.V. wird dort mit einer neuen Methode gezeigt, wie viel Vitamin B6 im Bier enthalten ist.

Am Anfang war das Bier

Die 65 untersuchten Biere enthielten zwischen 95,3 und 1020 Mikrogramm pro Liter, wobei die höchsten Werte im Bockbier zu finden sind und das in Biergärten vorzugsweise verabreichte Helle deutlich mehr der essenziellen Moleküle enthält als Weißbier.

Nun ist ein Mangel an B6 unter anderem schlecht fürs Gehirn: Es leiden Gedächtnis und Lernvermögen, im Alter droht Demenz. Damit wäre der Mensch vor solcher Unbill also besser geschützt, seit er Bier trinkt? Das tut er seit mindestens seit 13.000 Jahren, und tat es offenbar zuerst dort, wo man zu ungefähr dieser Zeit zum Ackerbau überzugehen begann.

MesolithikumZwischen den Zeitaltern

FrühbronzezeitSaufen wie die Sumerer

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Möglicherweise war es auch gar nicht der Appetit auf Brot, sondern der Durst nach Bier, der uns die neolithische Revolution geschenkt beziehungsweise eingebrockt hat. Denn glücklicher mag der Jungsteinzeitler damit nicht geworden sein, aber vielleicht schlauer. Immerhin waren die Hotspots der frühen Bierproduktion – Ägypten und Sumer – gerade die Orte, an denen die Kulturtechnik des Scheibens erfunden wurde, um mit der neuen, gerstensaftgenährten Komplexität auch administrativ zu Potte zu kommen.

All dies ließe sich am Freitag bei der ersten Maß bedenken, bevor dann mit der zweiten die Wirkung eines anderen Bierinhaltsstoffs auf die Kognition einsetzt. Den Münchner Lebensmittelchemikern kann man eine Verharmlosung Letzterer übrigens nicht vorwerfen. „Keine signifikanten Unterschiede wurden beobachtet zwischen alkoholfreien und entsprechenden Bieren voller Stärke“, schreiben sie schon im Abstract ihrer Studie. Doch Hand aufs Herz: Wer sucht einen Biergarten auf, um der Verblödung vorzubeugen?

Ulf von RauchhauptRedakteur im Ressort „Wissenschaft“.

Redakteur im Ressort „Wissenschaft“.


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