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Bürgergeld | „Ich spiele nicht krank“: Wie ein schwerbehinderter Mann auf sein Jobcenter-Geld wartet

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04.01.2026

Die Briefe in Andrea Milanos Händen sind weich geworden an den Rändern, als wären sie zu oft herausgezogen worden. Der 53-Jährige – groß, mit Brille, dunklem Haar über der Stirn – sitzt an einem verregneten Novembermorgen im Wartezimmer des Jobcenters Berlin-Mitte. Der Raum ist fast leer: ein paar Stühle, Broschüren, grelles Licht. Milano umklammert den Stapel Briefe und starrt auf den Eingang. Dort soll gleich die Sachbearbeiterin kommen. Er sagt, das Jobcenter schulde ihm Tausende Euro für die Unterkunft.

Um nicht auf der Straße zu landen, erzählt Milano, der in Süditalien aufgewachsen ist, habe er sich Geld leihen müssen. In seiner Hosentasche steckt der Ausweis, der eine 80-prozentige Schwerbehinderung belegt. Zwischen den abgegriffenen Papieren liegen Arztbriefe, über seine angeschlagene Gesundheit: ein Tumor im Kopf, vor ein paar Jahren. Milano braucht das Geld dringend, aber das Jobcenter hält ihn hin. Seit Monaten. Wird man ihm heute zuhören?

Wir treffen Milano in einem Café für Berufsschüler*innen, nicht weit vom Jobcenter. Neben ihm sitzt Elisa Schalke, 65, mit grauem Haar und ruhigem Blick. Schalke ist schon seit Jahren bei der Berliner Erwerbsloseninitiative Basta aktiv. Sie begleitet Milano zum heutigen Termin, um zu unterstützen und zu übersetzen. Schalke beugt sich über die offiziellen Schreiben des Jobcenters und versucht sie zu entziffern. Routiniert arbeitet sie sich durch Argumentationsbausteine und Schlüsselformulierungen. Basta begleitet den Fall seit Monaten. „Das ist doch pure Infantilisierung“, sagt sie.

Schalke holt aus, übersetzt das „beamtendeutsche“ Gespräch zwischen Milano und dem Amt: „Ist der Herd heiß? Ja, der Herd ist heiß. Haben wir Ihnen schon gesagt, dass der Herd heiß ist? Ja, Sie haben mir gesagt, dass der Herd heiß ist.“

Schalke erklärt: Es wird von der Behörde nur mitgeteilt, was ohnehin klar ist. „Ein Kreislauf, immer dieselben Sätze“, führt die Beraterin aus. „Die Mitarbeiter*innen stecken wohl selbst im Hamsterrad fest und begreifen nicht, was sie anrichten.Manchmal habe sie auch das Gefühl, dass einige ihre Macht ausspielen. Wie soll unter diesen Bedingungen jemand die teils schwer verständlichen Texte verstehen – noch dazu, wenn er krank ist? Milano schaut auf das Papier, als stünde dort eine Sprache, die er nie verstehen wird.

Der Fall wirkt nur auf den ersten Blick außergewöhnlich. Andrea Milano kommt um 2014 herum nach Berlin. Er pendelt zwischen Italien und Berlin, macht Kreativ-Projekte in einem Atelier. 2020 hat er dann zwei Tumoroperationen am Kopf – neben seiner 80-prozentigen Schwerbehinderung eine enorme Belastung. Er braucht fortan Hilfe – und findet Unterstützung bei der Caritas. Diese vermittelt ihn 2022 zum Jobcenter. Dort drängt man ihn dazu, eine Arbeit aufzunehmen, aber Milano verweist auf seine Gesundheit. „Mein Arzt hat mir gesagt, dass ich nicht arbeiten kann.“

© der Freitag