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Kommunikation | Coaching für Beziehungen: Toxische Freundlichkeit

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06.01.2026

Pink Floyd skandierten einst: „We don’t need no education!“ Erinnert sich jemand? Es scheint Lichtjahre her. Verweigerung ist out. Jetzt ist Erziehung angesagt, auch für Erwachsene. Gegenläufig zum Mobbing-Style der Unsozialen Medien rennt man im kommunikativen Real Life gegen Wohlfühl-Fassaden. Wann hat das eigentlich begonnen? Seit wann gilt es, Bürgerinnen und Mitarbeitende „mitzunehmen“? Seit wann wollen Führungskräfte in erster Linie geliebt werden? Seit wann ist Verantwortung nicht mehr „Macht“? Schwer zu sagen.

Die Edukarisierung kam schleichend. Aus Angestellten wurden Mitarbeiter:innen, aus Befehlsempfängern mit durchaus divergierenden Interessen fokussierte Teams, aus Chefs Teamleiter, die herzlich „einladen“ zu Hierarchie, Wettbewerb und Selbstausbeutung, gern per Du, gern „kreativ“, gerne die „liebe Kollegin“. Befehle hüllen sich wallend in Empfehlungen, alle haben einander lieb, man muss es nur oft genug erklären.

Längst stehen sie überall, die Flipcharts der Erleuchtung. Für jeden Mikrobereich drohen mehrteilige Workshops. Bei jeder Gelegenheit, sei sie beruflich, ehrenamtlich oder privat, wird man mit bunten Kärtchen traktiert, auf denen man offenherzig etwas teilen soll. Alles ist erlaubt – außer negativ. Oder gibt es da draußen wirklich eine Person, die noch nicht mit Moderationskoffern in Berührung gekommen wäre? Wie des Zauberlehrlings Besen vermehren sie ihre furchtbar gut gemeinte Herrschaft.

So dringt eine „Workshop“-, „Wertschätzungs“- und „Feedback-Kultur“ in alle Ritzen. Führung will nur mehr als Leitung erscheinen, besser noch Begleitung. Alles soll auf Augenhöhe zwar nicht passieren, aber so wirken. Kaum eine wird noch aufgefordert oder gar angewiesen. Untergebene, die nicht mehr so heißen, werden von Vorgesetzten, die sich coole englische Kürzel geben, in gewaltfreien Ich-Botschaften........

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