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Crime in Frankfurt (Oder): Einer der spektakulärsten Gefängnisausbrüche der DDR

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25.09.2021

Frankfurt (Oder) - Als es an der Wohnungstür klingelt, sitzt Wolfgang Mücke mit seiner Frau und seinem Sohn am Frühstückstisch. Es ist halb neun. Vor der Tür steht der diensthabende Kraftfahrer. Mücke muss sofort zu seiner Polizeidienststelle mitkommen. Sein Wagen soll das Gebiet an der Brücke, die über die Oder nach Polen führt, meiden. Dort sei alles abgesperrt, wird Mücke gesagt. Es ist der 20. September 1981. Ein Sonntag.

Wolfgang Mücke ist gerade 30 Jahre alt geworden, er ist Hauptmann der K – der Kriminalpolizei in Frankfurt an der Oder. Er denkt, dass es in Polen Unruhen gibt, die Brücke über den Grenzfluss deswegen abgesperrt ist. Ein Jahr zuvor hatte sich im benachbarten Land die Solidarnosc gebildet, eine unabhängige gewerkschaftliche Massenbewegung. Doch Mücke irrt. Bei dem Einsatz, zu dem er gerufen wird, handelt es sich um einen der spektakulärsten Gefängnisausbrüche der DDR, der in seiner Rigorosität einmalig ist. Er wird mit einer Geiselnahme enden. Und mit dem Tod eines Polizisten, eines guten Bekannten des Hauptmanns der K.

Wolfgang Mücke erinnert sich noch gut an den Tag vor fast genau vier Jahrzehnten. Der einstige Kriminalist lebt noch heute in der Oderstadt im Osten von Brandenburg. 40 Jahre war er bei der Polizei, die eine Hälfte zu DDR-Zeiten, die andere im wiedervereinten Deutschland. So etwas wie am 20. September 1981 habe er weder vorher noch nachher erlebt.

In Zelle 316 der Untersuchungshaftanstalt in der Collegienstraße in Frankfurt an der Oder sitzen an jenem Sonntag vier junge Männer wegen versuchter Republikflucht, Körperverletzung und Diebstahls. Drei der Untersuchungsgefangenen sind fest entschlossen, aus dem Gefängnis zu fliehen. Die 19 und 20 Jahre alten Männer wollen das Wochenende für die Ausführung ihres Plans nutzen, weil weniger Wärter im Dienst sind. So geht es aus den Akten von damals hervor.

Schon Tage zuvor haben sie darüber geredet, ihre Bewacher zu überwältigen, sich auf diese Weise Waffen zu beschaffen und so einen Weg in die Freiheit nach West-Berlin zu finden. Nur der vierte Insasse der Zelle will nicht mitmachen. Nach dem Aufstehen an jenem 20. September schlagen ihn seine Mitgefangenen nieder, fesseln und knebeln ihn mit Handtüchern, die sie zuvor auseinandergerissen haben, und schieben ihn unter ein Bett. So kann er den Fluchtplan nicht doch noch in letzter Sekunde vereiteln.

Gegen 7.30 Uhr ertönt das Signal zur Freistunde. Als ein Wärter die Tür zur Zelle 316 aufschließt und die Insassen auffordert, herauszutreten, wird er von den drei Männern überwältigt. Als Anführer des Trios gilt Andre B., ein 20 Jahre alter Autoschlosser, der in Eisenhüttenstadt aufwuchs und seit seiner Jugend wegen seiner Schwarzen Hautfarbe rassistischen Anfeindungen ausgesetzt war. Wohl auch deswegen hat er nur ein Ziel: Er will weg aus der DDR, abhauen in den Westen. Ein Versuch im August, mit seinem Freund Andreas A. das Land zu verlassen, endete mit der Festnahme und wenig später in der Untersuchungshaftanstalt Frankfurt (Oder).

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Andre B. und seine zwei Mitinsassen schlagen einen weiteren Wachposten nieder. Die überwältigten Bediensteten werden in Zellen eingeschlossen. Auf ihrem weiteren Weg aus der Haftanstalt erbeuten die Ausbrecher zwei Maschinenpistolen und 60 Schuss Munition.........

© Berliner Zeitung


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