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Das Phantom von Lichtenberg

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18.09.2021

Berlin - Er war der Beste in seinem Geschäft. Eine schillernde Figur, von der die Medien profitierten. Und Hauptperson eines der mysteriösesten Kriminalfälle, der noch immer ungelöst ist.

Alexander Luchterhandt hörte den Polizeifunk ab und verdiente damit Geld. Alex, wie ihn alle nannten, wohnte in der obersten Etage eines Hochhauses in Lichtenberg. Auf dem Dach hatte er eine acht Meter hohe Antenne, in seiner Wohnung Funkscanner, die die Frequenzen nach laufenden Gesprächen von Polizisten und auch Feuerwehrleuten absuchten. Alex bekam alles mit. Sogar den Fährverkehr von Warnemünde hörte er – wenn er sich mal entspannen wollte.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo. Jetzt auch das neue Probe-Abo testen – 4 Wochen gratis

Am 18./19. August 2021 im Blatt:
Rot-Grün-Rot hat laut Umfragen eine Mehrheit im Bundestag von 52 Prozent. Ist das ein linkes Schreckgespenst oder Rettung aus der Not?

Annalena hat wenig Chancen auf das Kanzleramt. Wird Robert Habeck in vier Jahren also der erste grüne Regierungschef? Wir haben ihn für unsere große Reportage getroffen

Wir haben Mitleid mit Carsten Maschmeyer, dem Drückerkönig und Zentrum der Maschsee-Connection. Denn er gibt tiefe Einblicke in sein Seelenleben.

Kolumne „Berlin Brutal“: Bye-bye, urbanes Paradies: Warum die Oderberger Straße eine Zumutung ist

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Sein Job war stressig. Wurde im Funk ein Überfall gemeldet, dann rief er in den Redaktionen an, die ihn bezahlten. War er gut gelaunt, dann meldete er sich mit „Verband der Berliner Bombenleger“ oder „Robert Steinhäuser“. Sonst brüllte er unvermittelt: „Mord in der Karl-Marx-Straße!“, oder: „Sohn hat Mutter mit Beil erschlagen! Ist auf der Flucht!“ Da blieb er dran und wusste aus dem Funkverkehr der Polizisten, wo gerade das Fluchtauto war. Und die Berliner Zeitung konnte eine detaillierte Karte zur Verfolgungsjagd drucken.

Alex – laut Polizeibeschreibung „49 Jahre alt, blaugrüne Augen, 1,85 Meter groß, lückenhafte Zähne“ – ließ sich das Info-Honorar in bar auszahlen. Ein Bankkonto hatte er nicht, weil er glaubte, man spioniere ihn aus. Gemeldet war er nicht in Lichtenberg, sondern bei einem Bekannten in Pankow. Seine Post ging an eine dritte Adresse. Drei Tage vor seinem Verschwinden legte er im polnischen Kamienna Góra die Fahrerlaubnisprüfung ab, weil er keinen deutschen Führerschein hatte. Alex fuhr selbst nach Polen, mit einem Mercedes-Coupé, dessen Halter ein ehemaliger Stasi-Mann war.

Er sagte uns Polizeireportern nie, warum er so konspirativ lebte. Andererseits brauchte seine Seele Betreuung. Manchmal stellte er uns in der Kneipe eine neue Frau vor. Sie kamen alle aus der Ukraine, Weißrussland oder Russland. Sie wurden ihm dort vermittelt über seine russischen Freunde. Manche sagen, es war die Schleusermafia. Alex ließ sich von einem Bodyguard beschützen, von Aljoscha, nachdem er 1997 mal gekidnappt und bedroht worden war. Damals ging es um Schulden für ein Bordell, das er mit einem Türken betrieb.

In der Kneipe zahlte stets er und zog dicke Geldbündel aus der Tasche. In seinem Bettkasten fand die Polizei später 70.000 Euro. So viel konnte er nicht allein mit Tipps an Medien verdient haben. Er hatte alle möglichen Geschäfte am Laufen. Mal wollte er eine Kontaktbörse für deutsche Männer und russische Frauen gründen, dann ins Versicherungsgeschäft einsteigen. Mit einem russischen Atomwissenschaftler........

© Berliner Zeitung


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