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Auf Liebe folgt der Mord: So ist „Scylla et Glaucus“ in Zürich

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29.03.2026

Mit guten Freunden Tür an Tür leben. Gemeinsam essen, lernen, Freizeit verbringen: Nirgendwo geht das besser als im Internat mit seiner Rundum-Betreuung. Hört sich gut an, doch im Opernhaus Zürich wird ein anderes Bild gezeichnet.

In Claus Guths Inszenierung von Jean-Marie Leclairs einziger Oper „Scylla et Glaucus“ ist das Internat (Bühne: Etienne Pluss) ein dunkles, mit Galerien und Bücherwänden ausgestattetes Institut. Zwar wird an diesem Ort Wissen vermittelt und Ordnung hergestellt, jedoch mit absurder Disziplin und Kontrolle. Schülerinnen und Schüler stecken in Uniformen, was sie zunächst austauschbar erscheinen lässt. Ist das Personal aber entschwunden, zeigen sie sich als Individuen; sie diskutieren, streiten und balgen sich; sie leben Emotionen und sexuelle Fantasien aus.

Bloß eine verweigert sich: Scylla (Elsa Benoit). Denn sie hat Angst vor der Liebe und den damit verbundenen, nicht immer glückhaften Erschütterungen. Doch je mehr sie sich verweigert, desto mehr wird sie begehrt und bedrängt. Einer aber meint es ernst mit ihr: Scyllas Mitschüler Glaucus (Anthony Gregory). Seine anfängliche Schwärmerei entwickelt sich zu einer Leidenschaft, die ihn derart umtreibt, dass er Hilfe sucht bei der Lehrerin Circé (Chiara Skerath), worauf diese in Liebe zu Glaucus entbrennt. Somit ist die Katastrophe programmiert und nimmt ihren Lauf bis zum bitteren Ende. Zwar finden sich dann die mittlerweile von der Liebe überzeugte Scylla und Glaucus als Ehepaar, aber Circé vergiftet ihre Rivalin.

Was bleibt? Zerstörung. Das ist beklemmend, was nicht verwundert bei diesem Stoff aus der Antike, der in der griechischen Mythologie wurzelt und dank Ovid bekannt ist. Das darauf fußende Libretto von d’Albaret zu Leclairs Oper mutet hingegen harmlos an, aber Claus Guth entdeckt unter der Oberfläche so viel Abgründiges, immerzu Aktuelles, dass er den Stoff mühelos in die Gegenwart transportieren kann.

Details zeichnen die Inszenierung aus

Müsste man ein Wort finden, um Guths jede Regiemätzchen vermeidende Arbeit zu charakterisieren, käme man auf - Beweglichkeit. Alles fließt und fügt sich (scheinbar) ohne jede Anstrengung zueinander und das meint nicht nur die verschiebbaren Bücherwände, die immer mal wieder Platz machen für eine Sporthalle oder einen Lesesaal, sondern auch das Agieren der Protagonisten.

Guth nutzt diesbezüglich den ganzen Raum. So lässt er etwa Zwiegespräche zwischen Scylla und Glaucus in einer klaustrophobischen Box innerhalb einer Bücherwand oder an der Rampe stattfinden. Oder er setzt die männlichen Schüler als zeitlupenhafte Masse ein, die bedrohlich auf Scylla zusteuert und damit das Gespenst einer Gruppenvergewaltigung beschwört. Oder er platziert Circé im Finale auf der Galerie, wo ihr nervöses Schulterzucken verrät, dass sie Scyllas Tod kaum erwarten kann; oder er macht eine Hochzeitsparty dank knalliger Kostüme (Ursula Kudrna) und bunter Ballons zu einem Riesenspaß, der jäh endet. Unzählige, liebevoll herausgearbeitete Details zeichnen die Inszenierung eines Regisseurs aus, auf dessen kluge Arbeiten man sich jedes Mal freut, weil man sich in deren Sinnhaftigkeit aufgehoben weiß.

Die Beweglichkeit der Inszenierung findet ihre Entsprechung im Musikalischen. Die französische Cembalistin und Dirigentin Emmanuelle Haïm, zeigt mit ihrem Spitzen-Ensemble Le Concert d’Astrée, welch ein Schwergewicht Leclair ist. Die farbig gestalteten Instrumentalsätze sind die Perlen der Oper und Haïm belebt sie rhythmisch pointiert und mit einer Ausdrucksskala, die bei höchster Präzision des Spiels, Eleganz und Expressivität so verbindet, dass einem der Atem stockt.

Also: Die Frage, ob ein herausragender Geiger wie Jean-Marie Leclair einer war, auch ein guter Opernkomponist sei, sollte ein Verbot erhalten. Er war einer, was etwa die bewegend-impulsiven Chorpartien (Zürcher Sing-Akademie) oder die langen, empfindsamen Rezitative belegen, die den dramatischen Verlauf spiegeln. Und für die Auftritte der drei Hauptfiguren Scylla, Glaucus und Circé hat der Komponist alle Register gezogen, welche die Größe einer Tragédie en musique ausmachen. In Zürich steht ein junges Team auf der Bühne, das sich in Leclairs Welt bestens auskennt: Elsa Benoit ist eine Scylla mit glockenheller Stimme; Anthony Gregory ist ein strahlender Glaucus und Chiara Skerath verkörpert Circé mit theatraler Dramatik. Kurzum: Claus Guths Inszenierung ist ein Motivationsschub für die langfristige Durchführung des neuen Formats „Festival Zürich Barock“.

Kommende Vorstellungen am 29. und 31. März; am 2., 6. und 30. April sowie am 2. Mai. Informationen auf www.opernhaus.ch  

1764: Nebel liegt in den frühen Oktoberstunden über Paris. Die offene Türe macht einen Diener stutzig. Als er ins Haus eintritt, macht er einen grausigen Fund: Sein Dienstherr, der Komponist Jean-Marie Leclair, liegt in einer Blutlache am Boden - getötet von drei Messerstichen. Der Täter? Unbekannt. Auch der Barockkomponist Alessandro Stradella starb nicht in seinem Bett: er wurde 1682 in Genua ermordet. 1713 kam der Dichter Bartolomeo Dotti um. Auch diese Tat wurde nie aufgeklärt. Zu jenen, die ein Motiv gehabt haben könnten, gehört ausgerechnet der Komponist Alessandro Scarlatti. Dotti hatte in seinen bissigen Satiren gegen ihn ausgeteilt. (ef)

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