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Nach Gewaltvorwürfen von Kindern: Turnverein Zizenhausen stellt umfangreiches Schutzkonzept vor

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22.04.2026

Erleichtert und nicht ganz ohne Stolz hält Stefan Tresp, Vorsitzender des TV Jahn Zizenhausen, das kürzlich fertiggestellte Schutzkonzept des Vereins in den Händen. Fast zwei Jahre hat eine eigens dafür gebildete vereinsinterne Arbeitsgruppe daran gearbeitet. Sie wurde unterstützt von Rebecca Grbavac, Schutzkonzeptberatung für Vereine und Verbände beim Kinderschutzbund Ortsverband Konstanz. Mit dem 17 Seiten starken Schutzkonzept will der Verein vorrangig eine Sensibilisierung für das Themengebiet erreichen, präventive Arbeit leisten und Verhaltensregeln beim Eintreten eines konkreten Vorfalls auflisten.

Der Vorsitzende berichtet, im Winter 2023/2024 habe es Vorwürfe physischer und psychischer Gewalt an Kindern und zu hohem Leistungsdruck gegeben, die jedoch nach einer Untersuchung vom Deutschen Turner Bund (DTB) vollständig widerlegt worden seien. Als in Böhringen eine Veranstaltung mit Informationen zu einem Kinderschutzkonzept stattgefunden habe, seien sie vom Verein zu dritt hingegangen. Mit Rebecca Grbavac hätten sie danach einige Male virtuell und in Präsenz zusammengesessen. Stefan Tresp sagt: „Wir sind ihr extrem dankbar für ihre Unterstützung. Sie hat die Entstehung des Konzepts sehr aktiv begleitet.“

Während der laufenden Arbeit am Schutzkonzept habe im vergangenen Jahr der Baden-Württembergische Badminton-Verband (BWBV) zwingend ein solches Konzept gefordert – sonst hätte er dem Verein den Status als Stützpunkt für den Badminton-Leistungssport entzogen. Rebecca Grbavac betont, in vielen Bundesländern gelte inzwischen die Regel „Ohne Konzept keine Förderung“.

Stefan Tresp, sein Stellvertreter Constantin Hirschle sowie Bruno Kotschik und Christiane Albiez von der Arbeitsgruppe Schutzkonzept und Rebecca Grbavac nutzten Vorlagen des Hegau-Bodensee-Turngaus (HBTG) und zweier anderer Vereine, die sie auf ihren Verein anpassten.

Start mit Risiko- und Potenzialanalyse

Rebecca Grbavac sagt, zuerst erfolgte eine Risiko- und Potenzialanalyse. „Wir haben den ganzen Verein durchgescannt und eine Bestandsaufnahme gemacht: Was gibt es für Dokumente? Wie viele Sparten gibt es? Wo findet Jugendarbeit statt und wie sieht sie konkret aus? Wie laufen Wettkämpfe, Ausflüge und das eigentliche Training ab?“ Man befrage viele Leute im Verein – Kinder, Jugendliche, Eltern und Trainer - zu ihren Eindrücken und versuche, den ganzen Verein transparent mitzunehmen. Sie habe hospitiert und in jeder Sparte Trainings angeschaut. Auch die Hallen habe sie daraufhin geprüft, ob es beispielsweise Möglichkeiten für Außenstehende gibt, ein Training von außen zu beobachten, oder ob jemand rein- und rauskomme, ohne bemerkt zu werden.

Man habe die Ist-Situation in Bezug auf Beleuchtung, Parkplatz, Beschriftung der Umkleiden und deren Nutzung betrachtet. Stefan Tresp erklärt: „Die Hallen werden mehrfach benutzt. Wir haben geguckt, wie sich die Umkleidesituationen darstellen: Kreuzen sich Vereine? Kenne ich die Leute?“ Daraus erschließe sich, wie mit der Lage umzugehen sei. Manche Gegebenheiten, wie die großen Glasfronten, ließen sich nicht ändern. Da müsse man zum Beispiel klären, wie man sich verhält, wenn von draußen jemand zusieht.

Verhaltenskodex als Basis

Grundsätzlich geht es den Vereinsverantwortlichen um den achtsamen Umgang miteinander. Dieser folgt einem Verhaltenskodex, der auf dem Ehrenkodex des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) basiert, auf die Belange des Vereins angepasst und von jedem Trainer unterschrieben wurde. Jeder Trainer muss zu Beginn und im Verlauf seiner Tätigkeit alle fünf Jahre zusätzlich ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Diese Vorgaben dienten der Absicherung des Vereins, der die Verantwortung dafür trage, wen er beschäftigt. „Trainer haben eine gewisse Machtposition. Bei uns wird in keiner Weise geduldet, dass diese ausgenutzt wird“, so Tresp.

Alle Trainer und Übungsleiter hätten das Schutzkonzept erhalten, es stehe auch auf der Homepage des Vereins, sagt der Vorsitzende. Bei einer jährlichen Informationsveranstaltung werde man immer wieder darüber sprechen.

Wer kontrolliert die Umsetzung?

Viele Regeln galten bisher schon. Das Schutzkonzept fasst alle zusammen und passt sie gegebenenfalls an. In regelmäßigen Abständen soll geprüft werden, ob noch alle Punkte passen. Stefan Tresp betont: „Unser Ziel ist, dass man es lebt. Potenzielle Täter werden vielleicht bemerken, dass der Verein darauf achtet.“ Rebecca Grbavac ergänzt: „Und wenn doch etwas passiert, hat man dank der detaillierten Handlungsleitfäden mit konkreten Ablaufdiagrammen und Ansprechpartnern mehr Handlungssicherheit.“

Laut Wiltrud Bossert-Engmann, zuständig für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Hegau-Bodensee-Turngau, gab es zu diesem Thema zuletzt im Herbst 2025 eine Tagung für Fachwarte und Vereinsvorstände, bei der die Notwendigkeit solcher Schutzkonzepte hervorgehoben wurde. Sie teilt dazu mit: „Wir kennen aber noch nicht viele Vereine, die ein fertiges Jugendschutzkonzept haben - leider.“

Entwicklung eines Schutzkonzepts

Rebecca Grbavac, Schutzkonzeptberatung für Vereine und Verbände beim Kinderschutzbund Ortsverband Konstanz, erklärt, eine Projektgruppe im Verein sei extrem hilfreich. Jugendtrainer, Vorstandschaft, Eltern und Kinder oder Jugendliche sollten einbezogen werden, wenn ein Schutzkonzept erstellt wird. Sie sagt: „Je mehr unterschiedliche Sichtweisen berücksichtigt werden, umso besser.“ Demnächst sollen sogenannte Schutzkonzeptwerkstätten gegründet werden, wo sechs Vereine gemeinsam an Schutzkonzepten arbeiten. Vereine könnten sich dafür unter rh@kinderschutzbund-konstanz.de bewerben. Außerdem gebe es im Mai und Juni Fortbildungen der Volkshochschule Landkreis Konstanz zum Thema „Schutzkonzepte im Ehrenamt“. Informationen dazu findet man unter www.vhs-landkreis-konstanz.de/programm.

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