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Die Klimadebatte braucht mehr Offenheit

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13.06.2019

Die Demonstrationen der Klimajugend und ähnlicher Gruppen in aller Welt haben die globale Erwärmung vorn auf die politische Bühne geholt. Was vor dreissig Jahren ein Nischenthema war, bewegt heute den Mainstream. Doch die öffentliche Auseinandersetzung geht immer wieder an entscheidenden Fragen vorbei, und das hat seine Gründe.

Der Klimawandel ist eine Projektionsfläche: In den Meinungsäusserungen zeichnen sich Wertvorstellungen und Vorurteile ab. Ob zum Beispiel jemand die Freiheit oder die Gleichheit für einen wichtigeren Wert hält, ob jemand dem Staat oder der Wirtschaft misstraut, wirkt sich immer auf die Einschätzung des Klimaproblems aus. Mangelt es an Toleranz für die Vielfalt der weltanschaulichen Prämissen, fällt die Verständigung über allfällige Massnahmen schwer.

Eine wichtige weltanschauliche Trennlinie in der Diskussion über den Klimaschutz ist die zwischen «Gesinnungsethikern» und «Verantwortungsethikern». Gesinnungsethiker argumentieren mit allgemeinen ethischen Prinzipien, die jeder persönlich befolgen sollte. Übertrieben ausgedrückt: Ist das Motiv gut, ist alles gut, unabhängig von den tatsächlichen Folgen einer Handlung. Anders die Verantwortungsethiker: Sie beurteilen Handlungen nach den Wirkungen, nicht nach dem Motiv.

Doch weder die Gesinnungsethiker noch die Verantwortungsethiker haben ein Generalabonnement auf die wahre, ethisch einwandfreie Haltung abgeschlossen. Beide Denkweisen haben blinde Flecken. Zum Erfolg des Klimaschutzes können aber beide etwas beitragen. Der Klimaschutz ist auf eine idealistische Motivation ebenso angewiesen wie auf kühle Effizienzbetrachtungen. Darum sollten die Gesinnungsethiker und die Verantwortungsethiker unter den Klimaschützern mehr miteinander reden – im Bewusstsein, dass es vielleicht nur ein biografischer Zufall war, der entschieden hat, auf wessen Seite man steht.

Verfechter einer freiheitlich konzipierten Politik, geschult im marktwirtschaftlichen Denken, begründen ihre Vorschläge für klimapolitische Massnahmen gerne mit der Effizienz. Zu diesen Massnahmen zählen zum Beispiel Anreize, klimaschützende Technologien zu entwickeln. Doch nimmt man internationale Klimaziele wie die Zwei-Grad-Grenze ernst, so ist fraglich, ob es genügt, dem System ein paar marktwirtschaftliche Stellschrauben hinzuzufügen.........

© Neue Zürcher Zeitung