menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Strategie des neuen Assekuranzriesen: Eine sehr einseitige Ökonomie des Teilens

15 0
yesterday

Strategie des neuen Assekuranzriesen: Eine sehr einseitige Ökonomie des Teilens

Helvetia und Baloise überlassen die Früchte ihrer Fusion ganz den Aktionären. Verlierer sind die Mitarbeitenden und die Kunden.

Mengenlehre mit Helvetia Baloise: Die Schnittmenge gehört den Aktionären.

Helvetia Baloise, der Versicherungskonzern, der im vergangenen Jahr aus dem Zusammenschluss der beiden gleichnamigen Gesellschaften aus St. Gallen und Basel entstanden ist, hat am Mittwoch seinen ersten Jahresabschluss und seine Strategie präsentiert. Schon der Ort dieser Präsentation zeigte, für wen sich die biedere Schweizer Assekuranz gerade mächtig aufdonnert.

Man reiste nach London, in die Stadt mit dem grössten internationalen Finanzzentrum. An der Themse befinden sich die Europa-Zentralen der mächtigsten amerikanischen Investmentbanken. Blackrock und Vanguard, die weltgrössten Fondsmanager, unterhalten hier ihre wichtigsten Ableger ausserhalb Amerikas. Kurzum: London ist das Mekka der globalen Finanz- und Investorengemeinde.

Wer sich ihre Aufmerksamkeit oder gar ihren Zuspruch verdient, darf mit Wertschätzung rechnen – und die ist durchaus pekuniär gemeint. Helvetia Baloise strebt eine höhere Börsenbewertung an. Die derzeitigen 21 Milliarden Franken sind nett, aber es sollen bald deutlich mehr werden.

«Shared Momentum» nennt der Konzern die Strategie, unter der er «neue Massstäbe für die Performance» setzen und seine fusionsbedingt verdoppelte Grösse für «nachhaltige Wertschöpfung» nutzen will.

«Momentum» ist ein Begriff, der in der Physik präzis definiert ist. Im Finanzjargon von Managern und Investoren ist er vor allem als ein Versprechen zu verstehen: Unternehmen mit Momentum steigern ihre Gewinne, Dividenden und den Aktienkurs progressiv. Wie das im Fall von Helvetia Baloise genau geschehen soll, hat das Management den Teilnehmenden am Kapitalmarkttag in London recht genau dargelegt:

Das fusionierte Unternehmen setze Synergien von jährlich 650 Millionen Franken frei – 90 Prozent davon bis 2028. Synergien sind im vorliegenden Fall primär Kosteneinsparungen. 2600 Vollzeitstellen würden bis Ende 2028 gestrichen, 1100 seien schon auf Ende März weggefallen.

St. Gallen, wo Helvetia einst ihren Hauptsitz hatte, schrumpft auf das Niveau einer besseren Generalagentur zusammen. In Basel entsteht die neue Konzernzentrale. Aber auch dort erleben diese Tage viele Angestellte, dass sie nicht mehr benötigt werden. Bürogebäude werden leer geräumt, die Marke Baloise eingedampft und die dafür aufgewendeten Marketingkosten eingespart. Das alles kostet zunächst Geld. 500 Millionen Franken sind es in der vorliegenden Jahresrechnung ganz genau – fast gleich viel wie der ausgewiesene Jahresgewinn (552 Millionen Franken).

Den Aktionären winken trotzdem höhere Dividenden. Heuer gibt es 765 Millionen Franken beziehungsweise 7,70 Franken pro Aktie oder 5,4 Prozent mehr als im Vorjahr.  Richtig in Fahrt kommt das Momentum aber erst im laufenden und in den kommenden zwei Jahren. Dann soll es Dividenden von insgesamt 2,8 Milliarden Franken hageln – durchschnittlich 933 Millionen Franken pro Jahr. Das wären dann ziemlich genau gleich viel wie der Gewinn, den Helvetia Baloise 2025 ohne die erwähnten Fusionskosten von 500 Millionen Franken für das zurückliegende Jahr hätte ausweisen können.

Man kann die ganze Zahlenakrobatik ganz einfach so verstehen: Helvetia Baloise überlässt die Früchte der Fusion fast in vollem Umfang den Aktionären.

Die Hauptlast der dafür nötigen Kosteneinsparungen tragen, wie erwähnt, die Mitarbeitenden. Aber auch die Kunden gehen leer aus. Zwar «profitieren» diese nach Darstellung von Helvetia Baloise vom Vertriebsnetz des fusionierten Konzerns mit 150 Standorten und 1700 Beratern. Viel nützlicher und relevanter wären aber tiefere Prämien, gerade in der Schweiz, die man mit Fug und Recht als Schlaraffenland für die Versicherungswirtschaft bezeichnen darf.

Im Schweizer Versicherungsmarkt fehlt es an Wettbewerb. Hohe Prämien bei geringer Innovation sind die typischen Charakteristika von hochzentrierten Märkten. Die Schweiz ist ein geradezu idealtypisches Beispiel dafür. Man sollte davon ausgehen, dass sich die Situation für die Versicherten in der Schweiz durch die Fusion von Helvetia und Baloise eher verschlechtert als verbessert. Darauf dürften auch neue Investoren spekulieren, die sich in London gerade vom «Shared Momentum» der Helvetia Baloise Gruppe überzeugen lassen. Schliesslich sind sie die einzigen Begünstigten dieser eigenartigen Ökonomie des Teilens.

Kahlschlag bei Helvetia Baloise: Unwürdige Bescherung

Dass der Zusammenschluss von Baloise und Helvetia eine trostlose Bescherung werden würde, war schon im April absehbar, als die Transaktion angekündigt wurde. Der fehlende Wettbewerb war die Ursache und das Problem wird nicht kleiner.

Frage an den Chef: Streicht Helvetia Baloise in St.Gallen jetzt 2000 Stellen?

Am Freitag sollen die Aktionäre von Baloise und Helvetia die Fusion der beiden Gesellschaften beschliessen. Der designierte Chef der neuen Firma, Fabian Rupprecht, will so deren Zukunft sichern. Es droht ein grosser Abbau von Arbeitsplätzen.

Knall beim neuen Versicherungsriesen: Helvetia Baloise streicht bis zu 2600 Arbeitsplätze – mehrheitlich in der Schweiz

Die Fusion der Helvetia und der Baloise kostet etwa jeden zehnten der gut 22'000 Arbeitsplätze. Alleine in der Schweiz fallen bis zu 1800 der rund 7000 Jobs weg.

Helvetia Versicherungen


© Luzerner Zeitung