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«Ich meinti»: Was für ein Gedränge in der Kabine

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20.03.2026

«Ich meinti»: Was für ein Gedränge in der Kabine

Kolumnist Christian Hug über volle Liftkabinen und gestopfte Gänseleber.

Heute machen wir ein lustiges kleines Gedankenspiel, wir fahren mit dem Lift. Stellen Sie sich also vor, Sie betreten einen Lift, einen kleinen, mit einer Fläche von, sagen wir, einem Meter zwanzig auf einen Meter zwanzig. Auf dem kleinen Schild an der Wand steht jedenfalls: Nutzlast 480 Kilo oder 6 Personen. Sie wollen gerade den Knopf zum zweiten Stock drücken, da kommt eine Gruppe von fünf Leuten angehetzt, und alle drängen sich in Ihren Lift. Jetzt ist die Kabine voll. Aber als ob das nicht schon eng genug wäre, kommt jetzt schon wieder jemand angerannt, «ich will auch noch mit», ruft er laut und stopft sich ungeniert in die eh schon volle Kabine. Jetzt müssen alle den Bauch einziehen und die Luft anhalten, Sie selbst schaffen es gerade noch, den Knopf zum zweiten Stock zu drücken. Die Tür geht zu, wird ja nicht lange dauern.

Aber was ist denn das? Der Lift setzt sich nicht in Fahrt! Bewegt sich kein bisschen. Einer murrt: «Zu viel Nutzlast? Der zuletzt kam, der muss wieder aussteigen.» Aber o weh: Die Tür geht nicht mehr auf. Funktioniert einfach nicht. Stattdessen ertönt eine Stimme aus dem kleinen Notfalllautsprecher neben den Stockwerkknöpfen: «Hab’ ich euch!», sagt die Stimme. «Ihr steckt bis zu eurem Lebensende in diesem Lift fest.» Sie sind gefangen, zusammen mit sechs anderen. Allmählich wird Ihnen im wortwörtlichen Sinne klar: Hier kommen Sie ums Verrecken nie mehr raus.

Hou, jetzt ist unser Gedankenspiel gar nicht mehr lustig. Ich würde mir ja auch lieber eine Geschichte mit Happy End ausdenken, aber so geht die Geschichte nun mal. Aber zum Glück für Sie und alle Menschen ist es bloss ein erfundenes Märchen. Doch wenn Sie mir diesen Gedankensprung erlauben: Für Millionen von Gänsen in Frankreich ist genau diese Geschichte die bittere, grausame Realität. Nicht in einem Lift, sondern in winzigen, niedrigen Gitterkäfigen. Ich rede von den Gänsen, denen man zweimal am Tag einen Schlauch in den Hals stopft und sie zwangsfüttert, damit sie schmerzhaft grosse Lebern bekommen, die sogenannte Stopfleber. Auf Französisch sagt man dem ganz vornehm «fois gras».

Nun ist es so: Vorgestern hat der Nationalrat in Bern, das sind in der Regel vernunftbegabte, gescheite Leute, darüber debattiert, ob man den Import von «fois gras» verbieten soll. Dazu muss man wissen, dass in der Schweiz die Produktion von Stopfleber verboten ist. Weil wir so mit gutem Gewissen sagen können: «Hey, also wir sind keine Tierquäler.»

Vorgestern hätte der Nationalrat also entscheiden können, das himmeltraurige Elend der gestopften Gänse in Frankreich zumindest im Ausmass der Schweizer Importe zu beenden. Und was hat er entschieden? Er sagte Nein. Die Gänse müssen weiter leiden. Weil, so hat die Mehrheit der Nationalräte argumentiert, die Romands halt so gerne «fois gras» essen. Und dass die Romands dann nicht mehr so gerne Schweizer und Schweizerinnen wären, wenn man ihnen die «fois gras» wegnehmen würde. Der Nationalrat hat mit diesem Nein, so haben manche argumentiert, allen Ernstes den Zusammenhalt unseres Landes gesichert. Bravo! Ich bin begeistert! Applaus für die Neinsager!

Aber kann mir bitte jemand die folgende Frage beantworten: Wie soll ich so einen Nationalrat ernst nehmen, wenn er das nächste Mal über das Tierwohl debattiert oder über Bio-Richtlinien oder über Biodiversität oder über die Grösse von Ställen?

Auf alle Fälle wünsche ich allen, die jetzt weiterhin «fois gras» essen, einen guten Appetit. Und eine lustige Liftfahrt wünsche ich denen grad dazu.

Christian Hug, Journalist aus Stans, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema. Seine gesammelten Kolumnen «Ich meinti» sind in Buchform erhältlich unter www.christian-hug.ch.


© Luzerner Zeitung