Warum wir die Stadt neu denken müssen
An Neujahr bin ich mit Freunden über eine Straße gelaufen, die normalerweise nie zur Ruhe kommt. Doch an diesem Tag waren die Geschäfte und viele Cafés geschlossen, Parkflächen und Gehwege leer. Kein Lärm, kein Gedränge – nur Stille und Sonne. So entspannt war ich selten in dem Viertel unterwegs.
Studien legen nahe, dass es einen Zusammenhang zwischen Lebenszufriedenheit, Einkommen und Grünflächen in Wohnnähe gibt. Ruhe und Natur machen also glücklicher. Und unsere Städte sind oft falsch organisiert.
Inwieweit Städte derart geplant sind, dass sie die Gesundheit fördern, zeigt die Studie eines spanischen Forschungsteams. Untersucht wurden 1000 europäische Städte anhand von Verkehr, Umweltqualität, Stadtgestaltung und Zugang zu Grünflächen.
Unsere Städte schneiden nicht sonderlich gut ab. Im europäischen Vergleich ist die Kleinstadt Kempten in Bayern der gesündeste deutsche Ort – sie liegt auf Platz 59. München als gesündeste deutsche Metropole bringt es im Ranking gerade einmal auf Rang 197.
Was mich alarmiert: 99,8 Prozent der Menschen in den untersuchten Städten atmen mehr Feinstaub ein, als die WHO empfiehlt. Und wenn wir schon bei guter Luft sind: Mehr als 60 Prozent der Städterinnen und Städter leben in Städten mit zu wenig Grünflächen. Viel Verkehr, wenig Aufenthaltsqualität, zu wenig Grün: Wir nutzen urbane Räume offensichtlich falsch.
Mit den neuen Herausforderungen der Stadtplanung hat sich auch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) beschäftigt. Städte bloß zu verschönern, reiche nicht, schreiben die Experten in einem Paper. Stadtentwicklung sei eine Transformationsaufgabe, die neue Akteure, neue Prozesse und multifunktionale Flächennutzung erfordere.
Sie skizzieren auch folgenden Befund: Viele urbane Freiräume sind zeitlich oder räumlich begrenzt nutzbar. Schulgebäude zum Beispiel stehen einen Großteil des Jahres leer, Freibäder und Sportflächen werden nur stundenweise genutzt.
Wie solche Flächen pragmatisch aktiviert werden könnten, zeigt ein Beispiel, von dem ich über einen Kollegen des „Tagesspiegels“ erfahren habe: Ein Berliner Getränkehändler öffnet seine Parkplätze nachts für Anwohner.
Aber reicht diese pragmatische Lösung – oder benötigen wir radikalere Ideen für unsere Städte? Wie können verschiedene Interessen und Akteure zusammenfinden, um die Vision einer modernen, lebenswerten Stadt zu kreieren? Und inwiefern kommt es dabei auch auf uns Bewohnerinnen und Bewohner an?
Mit Dr. Julian Petrin und Sven Lohmeyer habe ich mich darüber unterhalten. Petrin ist Gründer von „urbanista“, Lohmeyer Partner des Hamburger Büros für Stadtentwicklung und urbane Zukunftsstrategien. Sie beraten dort Kommunen, Unternehmen und Verbände.
Herr Petrin, Herr Lohmeyer, wie sieht die perfekte, lebenswerte und moderne Stadt aus?
Petrin: Die kann sehr unterschiedlich aussehen – je nachdem, wen man beim Planen im Blick hat. Nehmen wir das Thema „urbane Mobilität“, das in unseren........
