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Die neue Erschöpfungsgesellschaft oder …

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06.01.2026

Der sechste Januar ist der Moment, in dem das neue Jahr aufhört, freundlich zu sein. Die Feiertage sind vorbei, die Wohnungen wieder ordentlich, die Bäume rausgeschmissen und die Gläser gespült. Das Lametta ist verschwunden, aber der Druck auf der Brust bleibt. Der Kalender zeigt nicht mehr ein einladendes „Frei“, sondern Namen, Uhrzeiten, Erwartungen. Das neue Jahr hat plötzlich wieder sein wahres, schonungsloses Gewicht bekommen, so wie wir selbst.

Viele Menschen wachen in diesen Tagen mit einem diffusen Unbehagen auf. Keine konkrete Angst, eher eine leise Beklemmung. Der erste Arbeitstag steht bevor. Nicht heute vielleicht, aber bald. Und mit ihm kehrt dieses alte Gefühl zurück, dass alles wieder gleichzeitig passieren wird. Dass man ständig funktionieren muss, noch bevor man sich selbst richtig wiedergefunden hat.

Dabei hatten wir uns doch so viel vorgenommen.

Zwischen den Jahren war irgendwie alles möglich. Da wirkte das Leben wie eine offene Landschaft, weit, ruhig, veränderbar. Man lag auf dem Sofa, dachte nach, schrieb Listen. Vorsätze, Träume, kleine und große Neuanfänge voller Aufbruchstimmung und Kreativität. Der Mensch liebt diese Übergänge, weil sie so tun, als ließe sich ein Schnitt vollziehen. Als könnte man sagen: Bis hierhin war ich erschöpft, ab morgen bin ich es gefälligst nicht mehr.
Natürlich funktioniert das nie. Aber wir versuchen es jedes Jahr wieder, mit einer fast anrührenden Konsequenz.

Um Mitternacht an Silvester aßen manche von uns ihre Weintrauben. Zwölf Stück. Eine für jeden Monat. Manche unter dem Tisch, weil das Glück offenbar bodennah fliegt so wie man selbst. Andere hastig, weil man ja nichts falsch machen möchte. Der Ursprung dieses Brauchs liegt irgendwo in Spanien, bei zu vielen Trauben und zu wenig Abnehmern. Es ist beruhigend zu wissen, dass selbst diese neue Tradition des Jahresglücks aus einer Reaktion........

© Die Kolumnisten