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Triumph im All mit Beigeschmack: Die Natur lässt sich nicht behumpsen

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02.04.2026

Eine Demonstration für die Fähigkeiten der Wissenschaft! Ein Triumph der Technik! Ein Symbol für die Macht freier Forschung!

Wie gern würde man den Start des Raumschiffs Orion zum Mond so frenetisch bejubeln, immerhin die erste bemannte Mission seit über 50 Jahren. Wer war als Kind nicht fasziniert von den Apollo-Flügen, wer fühlte sich davon nicht inspiriert zu Höchstleistungen?

Sascha Karberg leitet das Ressort Wissen. Er sagt: Unter der Trump-Regierung sind Wissenschaft und Forschung in den USA und damit auch weltweit gefährdet wie nie.

Aber warum zögert man? Woher kommt das mulmige Gefühl, dass es dieses Mal noch viel weniger um die hehre Erforschung des Weltraums und die Lösung technischer Probleme zum Wohle der Menschheit geht? Warum beunruhigt heute, was einst so begeisterte?

Natürlich hatte auch die Apollo-Mission neben dem Mond schon ein zweites, sehr irdisches Ziel: den technologischen Vorsprung der USA gegenüber der Sowjetunion im Kalten Krieg sicherzustellen und sichtbar zu machen. Wer eine Rakete auf den Mond manövrieren kann, beherrscht die Technik auch auf Erden. Auch militärisch.

Die Demonstration technologischer Höchstleistung bekommt einen Beigeschmack, wenn man sich bewusst wird, dass die mit dem Wissen verbundene Macht und Verantwortung in der Hand einer immer nationaler, autokratischer, rücksichtsloser und unberechenbarer handelnden Regierung liegt.

Die Demonstration technologischer Höchstleistung bekommt einen Beigeschmack, wenn man sich bewusst wird, dass die mit dem Wissen verbundene Macht und Verantwortung in der Hand einer immer nationaler, autokratischer, rücksichtsloser und unberechenbarer handelnden Regierung liegt.

Sascha Karberg über die Artemis-Mission

Doch damals waren die USA immerhin ein Land, das zu den Prinzipien einer freiheitlichen Demokratie stand, zum Völkerrecht, zum Menschenrecht. Der Flug zum Mond war ein Symbol für den Erfolg dieses Systems, der freien Welt.

Amerika bot Wissenschaftlern, Ingenieuren, klugen Köpfen aus aller Welt nicht nur ein sicheres Zuhause, sondern fast grenzenlose Möglichkeiten zur Entwicklung und Finanzierung ihres Erfindungsreichtums.

Der erste Schritt von Neil Armstrong auf den Mond war nur einer von zahlreichen großen Schritten für die Menschheit in vielen Bereichen der Wissenschaft, von der Medizin bis zur Computertechnik. Die USA waren der Kristallisationspunkt für Fortschritt bei Wissen und Technik, für eine international zusammenarbeitende Wissenschaftsgemeinschaft.

Der Artemis-Mission geht dieser positive Kontext gerade verloren. Die Demonstration technologischer Höchstleistung bekommt einen Beigeschmack, wenn man sich bewusst wird, dass die mit dem Wissen verbundene Macht und Verantwortung in der Hand einer immer nationaler, autokratischer, rücksichtsloser und unberechenbarer handelnden Regierung liegt. Einer Nation, die sich aus internationalen Institutionen wie der Weltgesundheitsorganisation oder womöglich sogar der Nato zurückzieht. Einer Administration, die Universitäten wie Harvard und das benachbarte Massachusetts Institute of Technology (MIT), das einst eine entscheidende Rolle im Apollo-Programm spielte, angreift.

Trump profitiert von Arbeit der Vorgänger

Dennoch verbucht US-Präsident Donald Trump den erfolgreichen Start der Artemis-2-Mission für sich und seine Politik. „Wir gewinnen im Weltraum, auf der Erde und überall dazwischen“, tönte er schon Stunden vor dem Start. Amerika „dominiere“.

Doch der Erfolg des Artemis-Starts, den Trump großspurig für sich beansprucht, entspringt eben nicht seiner wissenschafts- und faktenfeindlichen Politik. Nicht er hat Amerikas Raumfahrt („wieder“) groß gemacht.

Dass jetzt wieder vier Menschen auf dem Weg zum Mond sind, ist vielmehr ein Echo der Politik vieler seiner Vorgänger, eines Amerikas, das seit seiner Gründung vor bald 250 Jahren Wissenschaffende stets schützte und förderte und einlud.

Trump erntet Früchte, die andere gesät haben. Er hingegen sägt, um im Bild zu bleiben, am Baum der Erkenntnis, von dem künftige Generationen eigentlich profitieren sollten. Unter seiner Regierung ist die US-Wissenschaft, und damit die Forschung weltweit, so gefährdet wie nie.

Die Versuchung, all das angesichts des großen, faszinierenden Ereignisses beiseitezuschieben, ist groß.

Warum nicht einfach nur mit der Astronautin und den Astronauten mitfiebern, sie gedanklich auf ihrem Flug begleiten, ihrer großen persönlichen Leistung Respekt zollen, ihnen Glück für den Wiedereintritt in die Atmosphäre und die Wasserung im Pazifik wünschen?

Mehr zur Artemis-Mondmission

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Doch das würde bedeuten, Trumps Politik stillschweigend hinzunehmen und bei seinem Verrat an der Wissenschaft mitzumachen. Und das wäre fatal.

Denn wenn die Politik beginnt, Universitäten und Wissenschaftsinstitutionen zu befehlen, was sie über das Impfen, den Klimawandel, Genderforschung, Umweltgifte oder vielleicht auch die Schwerkraft zu denken haben, werden Astronauten bald kaum noch ein paar Zentimeter abheben können. Die Natur und ihre Gesetze lassen sich nicht behumpsen.


© Der Tagesspiegel