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Ukraine | „Busifizierung" in der Ukraine: Wie der Krieg spricht und wovon er nichts hören will

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Nachts die Sirenen, Drohnen, Raketen und Explosionen. Und morgens die Nachrichten über Tote und Ausgebombte – sowie die Frage, ob es Licht und Wärme gibt. Anfang Dezember bin ich aus Kyjiw nach Berlin zurückgekehrt. Bis zur Abreise hatte ich keine Heizung. Die November- und Dezemberkälte übernahm das Haus, die Straße versank in Dunkelheit. Strom ist wie Blut, dachte ich, und all diese Kabel sind seine Adern. Verschwindet er, entweicht das Leben aus dem Körper der Stadt. So wie es aus den Körpern der Soldaten entweichen kann, die an der Front kämpfen und sterben.

Irgendwo jenseits dieses Alltags fanden zuletzt Friedensverhandlungen statt, bekanntlich nicht zum ersten Mal. Zwei „schlechte Friedensabkommen“ waren schon vorher abgelehnt worden, stets gefolgt von zufriedenen Kommentaren in internationalen Medien. Inzwischen hat die Idee des Friedens selbst einen schlechten Ruf: „Frieden durch Zwang“.

In diesem Krieg dient symbolische Sprache als neuer Eiserner Vorhang. Sie verschleiert, was konkret zur Wahl steht. Die Alternative zum sogenannten schlechten Frieden ist nichts anderes als der Krieg

Fast immer, wenn ich in den letzten Jahren über Friedensszenarien diskutierte, ging es um Völkerrecht, Geopolitik und die Notwendigkeit, dem Aggressor entschlossen zu begegnen: „Frieden durch Stärke“. Die Ukraine solle für Moskau „unverdaulich“ werden, wie Ursula von der Leyen im August 2025 sagte. Als könnte es je etwas Gutes verheißen, Teil des Verdauungsprozesses eines anderen zu sein. In diesem Krieg dient symbolische Sprache als neuer Eiserner Vorhang. Sie verschleiert, was konkret zur Wahl steht: Die Alternative zu einem „schlechten Frieden“ ist nichts anderes als der Krieg in all seinen Formen.

Diese Zeilen entstanden im Kern zwischen August und Oktober 2025. Ich hielt es damals für nötig, die systematische Gewalt zu beschreiben, die zur Aufrechterhaltung des bewaffneten Widerstands erforderlich ist. Die Politiker, die über einen Krieg bis 2030 parlierten, schienen etwas zu übersehen. Inzwischen denke ich einerseits, dass ich nur Bekanntes wiederhole, wenn ich hier von Zwangsrekrutierung oder der Sprache militärischer Gewalt berichte, die den Krieg ausmachen. Andererseits spricht niemand über dieses Bekannte. Ein Freund, der jetzt in der Armee ist, sagte zu mir: „Ich werde nicht zulassen, dass sie das vergessen.“ Ihm widme ich diesen Text.

Als ich zu schreiben begann, poppten ständig Nachrichten auf mein Handy: „Sie fahren die Widradne hinunter und steigen aus einem schwarzen Auto aus“ / „Gatne – Autokontrollen, es sieht schlecht aus, Razzia“ / „An der U-Bahn-Station Gnata Juri, direkt auf dem Bahnsteig, ein paar Auberginen mit einem Tablet … Seid vorsichtig da draußen!“ Diese Live-Updates wurden auf Telegram gepostet, in einem der vielen Kanäle, auf denen in Kyjiw Zivilisten einander vor Rekrutierungs-Razzien warnen.

Eine „Aubergine“ ist ein Polizist oder Beamter eines Territorialen Rekrutierungszentrums („Territorial Center of Recruitment and Social Services“, kurz TCR oder auch TCK). Herrscht „sonniges Wetter“, gibt es keine Kontrollen. Oft klingen die Nachrichten so vertraulich, als wende man sich an Verwandte. Dann schleicht sich eine absurde Polit-Nachricht dazwischen: Auf „Kreuzung Dnipro-Ufer und Truskawetska-Straße alles sauber, keine Probleme“ folgt „Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine wird irgendwann enden, denke ich – Trump“.

Binnen Stunden verschwinden die Nachrichten, ich kopiere sie für meinen Text. Das Verfolgen solcher Kanäle ist strafbar. Einige ihrer Gründer und Administratoren wurden festgenommen und könnten im Gefängnis landen. Zur Einschüchterung werden immer wieder Fotos von entsprechenden Verhaftungen veröffentlicht. Aber sofort taucht ein neuer Kanal auf.

Die Kanäle sind strikt anonym. Sie schaffen unpersönliche Gemeinschaften: Versteckt hinter Pseudonymen und Avataren redet man miteinander, bisweilen sogar über Politik. Sie existieren in der ganzen Ukraine – als Teil des Untergrundlebens von Städten, deren Oberflächen mit Rekrutierungswerbung bedeckt sind.

In Kyjiw hängen diese Anzeigen oft dort, wo früher Hollywood-Plakate zu sehen waren. Und die Bildsprachen ähneln sich: Soldaten werden etwa als Riesen dargestellt. Sie sitzen auf Gebäuden, als wären es Stühle, sie stützen ihre Knie gegen Brücken und legen ihre Ellbogen auf Bürotürme. Mit jedem Schritt könnten sie Häuser zermalmen, mit einem Schulterzucken Mauern umwerfen.

Einige berühmte Bataillone haben eigene Plakate. Die Dritte Sturmbrigade zeigt einen lachenden Soldaten mit blutverschmiertem Schwert. Er reitet auf einem flauschigen Kater über zombiehafte Zivilisten. Sie fotografieren ihn, strecken die Hände nach ihm aus, als wüssten sie nicht, dass er sie vernichten will: „Dritte Sturmbrigade. Vorbereitung auf jedes Szenario.“

Die Plakate der........

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