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Deutsche Effizienz isch over: So wird die Infrastrukturkrise zur Identitätskrise

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Deutschland: Land der Ingenieurskunst, der wirtschaftlichen Effizienz, der Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Als Deutscher im Ausland wurde man – selbst wenn man notorisch unpünktlich war, zwei linke Hände hatte und schon beim Zusammenschrauben von IKEA-Regalen an seine Grenzen stieß – jahrzehntelang mit diesen Klischees konfrontiert.

Das war einmal. In Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und Belgien scherzt man schon seit einigen Jahren über den rapiden Qualitätsverlust der Deutschen Bahn nach dem Grenzübergang – bis kurz vor Aachen ist noch alles gut. Aber dann kommt das Bahnstellwerk bei Köln. Dann kommen Böschungsbrände, Weichenschäden, Oberleitungsschäden und natürlich zu spät bereitgestellte Züge oder fehlendes Personal.

Die Erklärungen für Fehler im System sind reichlich – und reichlich kreativ. Seit einiger Zeit weiß man auch, dass die Bahn systematisch verspätete Züge ganz ausfallen lässt, damit sie nicht auch noch in die ohnehin desaströse Statistik der Verspätungen eingehen.

Gäste aus Übersee hingegen, die in ihrer Heimat hocheffiziente, stetig erweiterte und optimierte Bahnsysteme und Infrastrukturen gewohnt sind, wie in China oder Japan, aber auch in den USA, wo eine de facto-Verschwörung der Automobilindustrie die Grundlagen der „Lebens auf dem Schienenstrang“-Romantik eines Jack London durch den massiven Rückbau der Eisenbahn zunichte gemacht hat, erleben die Krise der Bahn-Infrastruktur in Deutschland nicht wie der Frosch im kochenden Wasser, also schleichend und unmerklich, sondern als markerschütternden Schock.

Vergessen Sie alles, was Sie je über deutsche Effizienz geglaubt“ haben, schrieb die New York Times im Rahmen ihrer Berichterstattung über die Fußball-Europameisterschaft der Herren 2024, als die Welt wieder einmal „zu Gast bei Freunden“ war: „Effizienz, Zuverlässigkeit, Funktionstüchtigkeit“, das sei doch, „was die meisten Menschen am meisten mit Deutschland“ verbänden.

Aber das Fußballturnier zeige, wie falsch diese positiven Stereotypien seien: Die Fans hätten „katastrophale Zustände auf dem Weg von und zu den Spielen zu ertragen gehabt“. Die „privat betriebene, aber staatssubventionierte“ Bahn sei einst der „Goldstandard des Bahnverkehrs in Europa gewesen“. Nun müsse man sich bloß die Blicke der Einheimischen angucken, wie sie Augen rollend das Bekannte und längst nicht mehr anders Erwartete stoisch zur Kenntnis nähmen, wenn in den Zügen Verspätungen über Lautsprecher verkündet würden.

Die Washington Post sprach letztes Jahr von einer deutschen „Identitätskrise“: Die Tatsache, dass „die Züge nicht mehr pünktlich abfahren“ und dass „das Bahnsystem kollabiert“, untergrabe „das Selbstbild Deutschlands“. Die Gründe lägen dafür auf der Hand. Man sähe, zitierte das Flagschiff des US-Liberalismus eine Vertreterin des Vereins „Pro-Bahn“, mit dem Satz: „Was wir erleben, ist das Ergebnis einer lang-vernachlässigten Bahninfrastruktur bei gleichzeitig wachsendem Verkehrsaufkommen“. Alle vergangenen Regierungen hätten den Fokus auf den privaten Automobilverkehr gelegt – dies sei das Ergebnis.

Indes ist die Infrastruktur auch auf der Straße nicht unbedingt besser: Als am 1. August 2007 in den USA die I-35 W Bridge in Minneapolis aufgrund von Baumängeln kollabierte und damals 13 Personen ums........

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