Ende einer Ehe im Prenzlauer Berg: „So allein war ich schon lange nicht mehr“
Vielleicht liegt es daran, dass ich die Mitte des Lebens erreicht habe. Alle um mich herum gehen auf Sinnsuche. Sie reisen in einen Ashram nach Indien, buchen Yogakurse in Kroatien, beschreiten den Jakobsweg. Manche trennen sich, um zu sich selbst zu finden. Andere überlegen, ob sie erst einen Heimplatz für ihre Eltern besorgen oder schon einen für sich selbst.
Ich glaube, ich bin jetzt so weit. Ich muss mich jetzt auch mal suchen gehen, habe ich neulich gedacht, als meine beste Freundin am Telefon meinte, das höchste der Gefühle sei doch, endlich bei sich anzukommen. Schön, dachte ich – nur wo bin ich eigentlich? Und vor allem: wer?
Da erinnerte ich mich, dass ich nach der Wende mal kurz auf Hiddensee war. Ich hatte furchtbaren Liebeskummer, und aus lauter Verzweiflung beherzigte ich den Tipp einer Freundin, dorthin zu schiffen, weil die Insel außerhalb der Saison schön einsam sei und man den Ballast gut in den Wellen lassen könne.
Als ich rund dreißig Jahre später nach viermal Umsteigen im eisigen Wind auf dem Kutter sitze und in die Wellen starre, fühle ich mich sofort bestätigt in der guten Idee: Ich erinnere mich an nichts mehr. Auf dieser Insel soll ich gewesen sein? In Neuendorf meinen Herzschmerz in einem kleinen Zimmerchen mit Sanddornschnaps ertränkt haben, in diesem Hafen gelandet? Kenn ich nicht mehr.
Gut, ich will ja auch nicht an Altem anknüpfen, ich will etwas Neues erleben. Ich habe mich in einem Kloster eingemietet. Kloster klingt passend, nach innerer Einkehr und noch größerem Frieden.
Bleiben Sie denn allein oder kommt da noch jemand?
Auf der Überfahrt schon steigt die Nervosität. Ein Berliner Pärchen verlässt neben mir den Frachter, wir sind die Einzigen. Sie schwärmten davon, dass sich selbst dreißig Jahre nach der Wendezeit nicht herumgesprochen habe, wie besonders erholsam, da quasi am Arsch der Welt, diese Insel sei. Was mich denn um Himmels willen hierhertreibe? Ich muss ein Stück fertigschreiben. Und einen Roman. Und vielleicht auch was zeichnen. Die beiden sehen mich erst an, als habe ihnen der Wind zu sehr in die Ohren gepustet.
Und das alles geht?, fragt die Frau.
Ja, sage ich. Man muss es nur machen.
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Dann schlendern wir an den spärlich beleuchteten Fenstern der Gasthäuser vorbei, am geschlossenen Bäcker, dem verrammelten Kaufladen (gut, es ist Sonntag) und trennen uns. Ich kenne die beiden nicht, gerade mal die eineinhalb Stunden schweigende Fahrt vom stressigen Berlin auf das kleine Eiland, das........
