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Wenn Tricia Tuttle die Berlinale jetzt verlässt, geht das Festival in eine dunkle Zukunft

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26.02.2026

Am Donnerstagvormittag hat der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer eine außerordentliche Sitzung der für die Berlinale zuständigen Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin einberufen. Eine Krisensitzung,  vier Tage nach dem Ende der 76. Berlinale. Laut der Bild-Zeitung wünscht Weimer, dass die Festivalchefin abtritt. Diese Entscheidung wurde am Donnerstag nicht gefällt. Möglicherweise wurde sie nur aufgeschoben. Oder kann es sein, dass Wolfram Weimer durch die Reaktionen aus der Filmwelt und der Öffentlichkeit eines besseren belehrt wurde? Die Gespräche mit der Intendantin würden in den nächsten Tagen fortgesetzt, teilte ein Sprecher Weimers mit. Sollte Tuttle am Ende gehen müssen, würde das den Berliner Filmfestspielen einen Schaden zufügen, der kaum mehr gutzumachen ist. Selbst wenn sie bleibt, hat Weimer die Berlinale bereits lädiert.

Die Berlinale begreift sich als Ort des Austauschs, der Vielfalt und des kritischen Diskurses, der aktuelle gesellschaftliche Konflikte durch das Medium Film verhandelt. Und mit den Filmen kommen die Menschen nach Berlin, Regisseure, Drehbuchautorinnen und Schauspieler mit ihren Ideen und Haltungen. Dass dies gerade in der polarisierten deutschen Debatte über Gaza und Israel zu heiklen Situationen führen kann, wurde bereits bei der Berlinale 2024 deutlich, Tricia Tuttle saß damals noch als Gast im Publikum.  Bei der Abschlussgala trugen Filmemacher Palästinensertücher, sprachen von Genozid und Apartheid, ideologisch aufgeladene Kampfbegriffe, gerade in Deutschland. Ein Lawine von Antisemitismusvorwürfen überrollten das Festival, die im Ausland irritierte.

Festivalchefin Tuttle weist Zensurvorwürfe im Zusammenhang mit Gaza zurück

Tumult bei Berlinale-Gala: Palästinensische Flagge auf der Bühne, ein Minister verlässt den Saal

Tricia Tuttle, die 2025 übernahm, bekam dies zu spüren. Vor Beginn der Berlinale äußerte sie die Besorgnis, dass die Debatte über den Nahost-Konflikt in Deutschland Filmschaffende dazu bringen könnte, das Festival zu meiden. Künstler fürchteten, dass Kritik an Israels Kriegsführung in Gaza ihnen als Antisemitismus ausgelegt werden könne. „Was man außerhalb von Deutschland schwerer versteht, ist, dass es hier eine andere Grenze für die Kritik an Israel gibt“, sagte sie damals der Berliner Zeitung. Die Menschen seien wirklich unsicher.

Tricia Tuttle, Jahrgang 1970, stammt aus den USA, lebt aber seit den 1990er-Jahren in Großbritannien und leitete zuletzt das London Film Festival. Sie konnte und kann Deutschland also von außen und dann sicher auch von innen betrachten. Auch sie habe erst lernen müssen, wie sehr die Erinnerung an den Holocaust zum Kern der deutschen Seele gehöre, erzählt sie immer wieder. Die Doppelperspektive schien in dieser aufgeladenen Situation Gold wert.

Wieder fiel das Wort Genozid auf der Berlinale-Bühne

Das Festival sah sich genötigt, auf seiner Website festzuhalten, dass alle Gäste das Recht auf freie Meinungsäußerung im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen haben, dass die Berlinale hinter dem Recht ihrer Filmemacher stehe, über die Impulse hinter ihrer Arbeit und ihre Erfahrungen in der Welt zu sprechen und dass das Festival unterschiedliche Standpunkte begrüße. Das Tragen oder Zeigen von Symbolen wie der Kufiyah, dem Palästinensertuch, sei vom deutschen Grundrecht auf Meinungsfreiheit gedeckt.

Der Abend der diesjährigen Preisverleihung war eine Art Wiedergänger der Gala des Jahres 2024. Wieder fiel das Wort Genozid auf der Bühne, es kam aus dem Mund des syrisch-palästinensischen Filmemachers Abdallah Al-Khatib, der Deutschland vorwarf, es trage eine Mitschuld daran, er trug ein Palästinensertuch. Unangenehm drohend wirkte sein Satz: „Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war oder geschwiegen hat.“ Es gab Jubel im Publikum, auch Buhrufe. „Free Gaza from Hamas“ rief jemand. Der Bundesumweltminister Carsten Schneider war als einziger Vertreter der Bundesregierung zugegen und verließ aus Protest den Saal.

Auf der Berlinale ist nichts Strafbares geschehen, nicht auf dieser, nicht bei den vorherigen. Tricia Tuttle hat sich hinter den Präsidenten der Wettbewerbsjury Wim Wenders gestellt, als dieser bei einer Pressekonferenz zu einem Statement zu Gaza gedrängt werden sollte und sich verweigerte, worauf die indische Schriftstellerin Arundhati Roy ihm vorwarf, er wolle ein unpolitisches Kino.

Tricia Tuttle zeigte sich betroffen nach dem offenen Brief 90 internationaler Filmschaffender, die auf Wenders und Roy reagierten und die Berlinale beschuldigten, propalästinensische Filmschaffende mundtot machen zu wollen, aber sie widersprach ihnen auch. Sie formulierte klug und klar ihren Standpunkt, wie in ihrer Rede bei der Gala, bei der sie immer wieder Komplexität einforderte und vor Propaganda warnte, sich gegen jedwede Form der Diskriminierung aussprach.

Es wird heißen, dass es in Berlin keine Meinungsfreiheit gibt

Dann tauchte am Morgen danach ein Foto auf, zunächst in den sozialen Medien, das Tricia Tuttle mit dem Team bei der Premiere von Al-Khatibs Film am 15. Februar zeigt, und auf dem die gesamte Filmcrew Palästinensertücher trägt und einer die palästinensische Fahne hochhält. Es ist kein offizielles Foto der Berlinale, es ist keine Solidaritätsbekundung der Berlinale-Chefin, lässt sie sich doch häufig nach einer Weltpremiere mit dem Filmteam fotografieren. Hätte sie den Filmemachern befehlen sollen, die Palästinensertücher einzustecken? Die Pressestelle gab am Mittwoch an, nicht zu wissen, wer der Fotograf ist. Dass in der Bild-Zeitung der Credit „Berlinale“ genannt wird, ist mindestens befremdlich.

Vielfalt hat Facetten, die nicht jedem genehm sind, bei einem kritischen Diskurs erheben sich Stimmen, die man lieber nicht hören würde. Eine Selbstverständlichkeit. Sollte Tricia Tuttle am Donnerstag wirklich abberufen werden oder sollte sie selbst entnervt hinschmeißen, geht das ohnehin schlingernde Festival in eine dunkle Zukunft. Nicht nur, weil die Zeit eine Nachfolgerin, einen Nachfolger zu finden, extrem kurz ist, wenn man bedenkt, dass Menschen mit dieser Qualifikation ohnehin schwer zu finden sind.

Dieser Vorgang wird vor allem dem internationalen Ruf der Berlinale schaden, es wird Filmemacher geben, die ihre Filme lieber woanders zeigen wollen, es wird heißen, dass es in Berlin keine Meinungsfreiheit gibt. Das Klima der Angst, das die Unterzeichner des offenen Briefs der Berlinale unterstellten, es würde dann wirklich herrschen.


© Berliner Zeitung