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Trump hat Freude am Krieg: Die neue Ehrlichkeit des US-Imperialismus

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13.03.2026

Dass die USA die Welt mit Bomben übersäen, ist nichts Neues. Seit 1945 greift die selbsternannte Weltpolizei immer wieder und das Völkerrecht ignorierend in Konflikte rund um den Globus ein. Der Koreakrieg, der Vietnamkrieg, die Interventionen im Irak, in Afghanistan oder Libyen gehören zu den prägenden Kapiteln der amerikanischen Außenpolitik der vergangenen Jahrzehnte.Neu ist jedoch der Ton, mit dem diese Politik inzwischen begleitet wird. Lange Zeit wurden militärische Interventionen von einem vertrauten rhetorischen Muster begleitet: Kriege wurden mit Demokratie, Menschenrechten oder der Sicherheit der internationalen Ordnung begründet. Selbst wenn es offensichtlich und ausschließlich um strategische und/oder ökonomische Interessen ging, präsentierten US-Regierungen ihre Entscheidungen als moralische Pflicht.

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Ein besonders bekanntes Beispiel dafür liefert der Irakkrieg 2003. Die Regierung von George W. Bush behauptete damals, Saddam Hussein verfüge über chemische und biologische Waffen und arbeite am Aufbau nuklearer Kapazitäten. Diese „Massenvernichtungswaffen“ stellten angeblich eine unmittelbare Bedrohung für die USA und die gesamte Welt dar.

Am 5. Februar 2003 trat Außenminister Colin Powell vor den UN-Sicherheitsrat und präsentierte Satellitenbilder, Abhörprotokolle und sogar ein kleines Fläschchen, das angeblich den Milzbrand-Erreger Anthrax enthielt, um die irakische Gefahr zu beweisen und den Krieg zu legitimieren. Später stellte sich heraus: Die Aussagen waren falsch, die Beweise erfunden. Der Irak besaß keine Massenvernichtungswaffen.

Eine neue Offenheit der Machtpolitik

Unter Donald Trump betreibt Washington keinen großen rhetorischen Aufwand mehr und inszeniert auch keine Theaterstücke mehr, wie es noch unter Bush der Fall war. Menschenrechte oder Demokratie spielen in seiner Begründung von Konflikten kaum eine Rolle, Menschenleben scheinen ihm egal zu sein.

So schilderte Trump in einer Pressekonferenz zum Iran-Krieg kürzlich beiläufig, wie ein iranisches Schiff zerstört und die Besatzung getötet wurde. Man hätte das Schiff auch kapern können, erklärte der US-Präsident – es wäre nützlich gewesen. Aber, so habe man ihm gesagt, „es macht mehr Spaß, sie zu versenken“.

Auch wirtschaftliche Interessen werden offen benannt. Trump argumentierte etwa, ein Krieg gegen den Iran könne langfristig das Öl sicherer und günstiger machen, weil dadurch das „iranische Regime“ als Bedrohung für den Markt verschwinde.

Ähnlich offen äußerte er sich bereits über Venezuela. Nachdem die USA Präsident Nicolás Maduro entführt hatten, erklärte Trump, Washington habe nun die Kontrolle über das venezolanische Öl. Eine Besetzung des Landes würde die USA „keinen Penny“ kosten, sagte er Anfang Januar. „Das Geld kommt aus dem Boden.“

Wenn Krieg zur Popkultur wird

Besonders deutlich wird diese neue Haltung auch in der medialen Inszenierung des Krieges. Während des aktuellen Krieges im Nahen Osten veröffentlichte das Weiße Haus ein Propagandavideo mit dem Titel „Justice – The American Way“. Der 42-Sekunden-Clip montiert Szenen aus Hollywood-Filmen mit realen Bildern militärischer Operationen, darunter die Versenkung einer iranischen Fregatte. Schauspieler wie Russell Crowe, Mel Gibson und Tom Cruise erscheinen zwischen Explosionen, Kampfflugzeugen und realen Kriegsbildern. Am Ende ertönt die bekannte Stimme aus dem Videospiel „Mortal Kombat“: „Flawless victory“ – makelloser Sieg.

Trumps Aussagen und solche Videos stehen exemplarisch für eine neue Politik, in der militärische Gewalt nicht mehr als tragische Notwendigkeit dargestellt wird, sondern im Gegenteil sogar verherrlicht wird.

JUSTICE THE AMERICAN WAY. 🇺🇸🔥 pic.twitter.com/0502N6a3rL— The White House (@WhiteHouse) March 6, 2026

JUSTICE THE AMERICAN WAY. 🇺🇸🔥 pic.twitter.com/0502N6a3rL

Diese neue Offenheit hat auch mit der globalen politischen Realität zu tun. In vielen Ländern des Globalen Südens wird westliche Moralrhetorik seit Langem als doppelmoralisch wahrgenommen. Ihre Überzeugungskraft schwindet, und damit auch die Notwendigkeit, geopolitische Interessen hinter moralischen Formeln zu verstecken. Das Ergebnis ist die brutale Ehrlichkeit eines Donald Trumps.

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Viele Beobachter begrüßen diese Entwicklung. Wenn Staaten offen sagen, dass sie aus Eigeninteresse handeln, so das Argument, verschwindet zumindest die Heuchelei. Die Welt wisse dann, woran sie ist.

Doch diese Sichtweise übersieht eine entscheidende Frage. Die alte Rhetorik war häufig heuchlerisch, zweifellos. Aber sie enthielt zumindest einen normativen Anspruch: Kriege mussten begründet werden. Sie mussten als tragische Notwendigkeit erscheinen, nicht als triumphales Spektakel.

Wenn diese Sprache verschwindet, verändert sich auch der Umgang mit Gewalt. Was früher zumindest als moralisches Problem dargestellt wurde, erscheint nun als Ausdruck von Stärke. Gewalt wird zunächst banalisiert und im nächsten Schritt glorifiziert. Welche Folgen es für eine Gesellschaft hat, wenn Gewalt verherrlicht wird, kann sich jeder ausmalen.

Tanzen, während die Welt brennt

Wie surreal diese ganze Entwicklung wirkt, zeigte kürzlich eine Szene im französischen Fernsehsender LCI: Im Splitscreen tanzte Donald Trump zu „YMCA“, während gleichzeitig Bilder brennender Städte im Nahen Osten zu sehen waren.

Es war ein Moment, der die neue politische Realität perfekt einfing. Die alte moralische Rhetorik mag oft verlogen gewesen sein. Doch eine Politik, die Gewalt nicht einmal mehr zu rechtfertigen versucht, sondern sie offen feiert, stellt keinen Fortschritt dar. Sie markiert einen zivilisatorischen Rückschritt.


© Berliner Zeitung