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Von der Prachtstraße zur Großbaustelle: Unter den Linden wird eine Grube klaffen

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Die Straße Unter den Linden wird zur Großbaustelle. Wo heute noch Fußgänger, Radfahrer, Autos und Busse unterwegs sind, werden ein Jahr lang Baugruben klaffen – erst vor der Staatsoper, dann gegenüber vor der Neuen Wache. Der Anlass: Die Senatsverkehrsverwaltung lässt Teile des maroden Tunnels, in dem einst Straßenbahnen die Prachtmeile in Mitte unterqueren, abbrechen und verfüllen.

„Nach aktuellem Stand soll die Maßnahme Ende des zweiten Quartals 2026 beginnen und circa zwölf Monate dauern“, teilte Frank Preiss aus der Pressestelle von Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) der Berliner Zeitung auf Anfrage mit. Die Baustelle wird das Bild der Straße Unter den Linden gravierend verändern und den Verkehr beeinträchtigen.

„Der Teilrückbau soll in zwei Hauptbauphasen mit offenen Baugruben im Zuge der Straße Unter den Linden durchgeführt werden“, so Preiss. Zunächst entsteht eine 4110 Quadratmeter große Baustelle vor der Staatsoper. Wenn sie wieder geschlossen ist, wird vor der Neuen Wache die zweite Teilbaustelle eingerichtet. Sie umfasst 4310 Quadratmeter.

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„Drunter durch, nicht drüber hinweg!“

„Dazu sind zwingend Verkehrseinschränkungen notwendig“, sagte der Sprecher. Pro Richtung bleiben zwei Fahrstreifen erhalten: jeweils einer für Busse, der andere für die übrigen Kraftfahrzeuge. Der starke Fahrradverkehr bekommt eine eigene Baustellen-Verkehrsführung. Immerhin: Nach den Arbeiten wird dieser Bereich stabil genug sein sein, dass auf der Linie 100 wieder Doppeldeckerbusse fahren können.

Der Senat rechnet mit Gesamtkosten von 4,7 Millionen Euro. Am 18. März wurde die Ausschreibung öffentlich bekannt gemacht (V-25-167).

Straßenbahnverkehr Unter den Linden? Genau, den gab es. Eigentlich sollte die Pracht- und Paradestraße im Zentrum als einer der wenigen Bereiche der Hauptstadt für Schienenverkehrsmittel tabu sein. „Drunter durch, nicht drüber hinweg!“ So hat es Kaiser Wilhelm II. dekretiert, berichtete der Verein Berliner Unterwelten. Zwar rollten ab 1894 trotzdem auf einem Abschnitt Pferdebahnen, später gab es sogar eine elektrische Oberleitung. Doch als ideale Lösung galt das nicht.

Deshalb entstand schon bald die Idee, Straßenbahnen die repräsentative Ost-West-Straße in einem Tunnel queren zu lassen. 1916 begann der Betrieb, und die ersten Bahnen unterquerten die Linden. Auf Plänen sieht das Bauwerk wie der Buchstabe Ypsilon aus.

„Zwischen der Singakademie, heute Maxim-Gorki-Theater, und der Universität führte eine viergleisige Rampe in den Tunnel hinein, der sich unter der Straße verzweigte“, erläuterte der Unterwelten-Verein.

„Die Gesamtlänge betrug einschließlich der Zufahrtsrampen 556 Meter, die eigentliche unterirdische Tunnelstrecke 187 Meter für den westlichen, 123 Meter für den östlichen Tunnelzweig.“ Weil sich die Große Berliner Straßenbahn die Möglichkeit freihalten lassen wollte, Doppelstockzüge einzusetzen, war der Tunnel bis zu 4,65 Meter hoch.

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Beleuchtungsversuche für Speers Autobahntunnel

Doch schon 1923 endete der Straßenbahnbetrieb im westlichen Ast. Ende der 1930er-Jahre war dieser Teilbereich dann Schauplatz von Beleuchtungsversuchen für den Autobahntunnel, der im Tiergarten die heutige Straße des 17. Juni unterqueren sollte. Er sollte Teil der Nord-Süd-Achse sein, die Generalbauinspektor Albert Speer plante. Im östlichen Ast des Lindentunnels endete der Fahrgastbetrieb 1951.

Fernheizungsrohre und andere Baumaßnahmen machten eine erneute Nutzung als Bahnanlage unmöglich. „Ende der 1960er-Jahre stellten dort sogenannte Betriebskampfgruppen Fahrzeuge und Geräte ab. Später standen dort auch Mannschaftswagen der Volkspolizei bei Großveranstaltungen in Bereitschaft. Am Ende des westlichen Tunnelzweiges wurde ein Schaltraum für Überwachungskameras eingebaut“, berichtete der Verein Berliner Unterwelten.

Nach der Wende zeigte der Künstler Ben Wagin von 1994 bis 1998 im Tunnel seine Werke. In einer Rampe erinnert die „Stille Bibliothek“ an die Bücherverbrennung, die von den Nazis 1933 auf dem heutigen Bebelplatz inszeniert wurde. Unter dem Platz entstand eine Tiefgarage, von der eine Stahltür in den Tunnel führt. Der Senat ließ weitere Teile des Bauwerks verfüllen. Seit 2002 nutzt das Maxim-Gorki-Theater einen Bereich als Lager. Ein Aufzug wurde ins Pflaster eingelassen.

Bei der Verlängerung der U-Bahn-Linie U5 wurde erneut klar, dass sich der Lindentunnel in einem schlechten Zustand befindet. Prüfungen ergaben, dass die Tunneldecke schwere Achslasten nicht mehr sicher tragen kann. Zwar stützen inzwischen rund 80 Pfeiler das Bauwerk, und eine Betonplatte soll Belastungen verteilen.

Trotzdem gilt seit Anfang 2022 von der Neuen Wache bis kurz vor dem Reiterstandbild Friedrich des Großen eine Lastbeschränkung. Weil dort nur noch Fahrzeuge bis 18 Tonnen fahren dürfen, setzen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) auf der Linie 100 keine Doppeldecker mehr ein.

„Infolge des schlechten Bauzustandes ist der Teilrückbau im unmittelbaren Bereich unter der Straße Unter den Linden zwingend notwendig“, bekräftigte Verwaltungssprecher Preiss. Die verkehrliche Funktion habe das Bauwerk längst verloren, sagte er.

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„Staatsoper für alle“ soll trotzdem stattfinden können

Doch nicht der gesamte verbliebene Lindentunnel wird mit 250 Kubikmeter Flüssigboden verfüllt, nicht die gesamte Anlage wird in 30 Tonnen Schutt verwandelt. Der vom Maxim-Gorki-Theater genutzte nördliche Tunnelteil bleibt erhalten, betonte der Behördensprecher. Die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) werde den Bereich ertüchtigen, damit er weiterhin als Kulissenlager genutzt werden kann.

Nicht nur, dass die Arbeiten in der guten Stube Berlins stattfinden werden: Es handelt sich um ein komplexes Bauprojekt, heißt es in der Senatsverwaltung. Auch die Schnittstelle zur Tiefgarage, von der Entrauchungskanäle auf den Mittelstreifen Unter den Linden führen, müsse berücksichtigt werden. Leitungen der Strom-, Wärme- sowie Telekommunikationsversorgung ebenfalls betroffen.

Veranstaltungen wie „Staatsoper für alle“, das Berliner Bücherfest und das Festival of Lights sollen trotzdem stattfinden, so Frank Preiss.

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Auch der U-Bahnhof Oranienplatz wurde verfüllt

Der Sprecher bestätigte, dass die BVG Unter den Linden künftig wieder Doppelstockbusse fahren lassen kann. „Ein Hauptziel des geplanten Teilrückbaus des Lindentunnels ist auch, dass die aktuell angeordnete Lastbeschränkung möglichst schon nach Fertigstellung des ersten Bauabschnittes entfällt“, teilte Frank Preiss mit.

Auf eine separate Baustelle hätte die Senatsverwaltung verzichten können, meinte Jens Wieseke, früherer Sprecher des Fahrgastverbands IGEB. „Es wäre ein leichtes gewesen, den Abbruch und die Verfüllung als Teil des U-Bahn-Bauprojekts U5 zu sehen“ - und zu organisieren.

Der Lindentunnel ist nicht das erste Bauwerk dieser Art in Berlin, das verfüllt und damit aus den Plänen getilgt wird.

2015 wurde in den Tunnelrohbau unter der Dresdner Straße in Kreuzberg, in dem ursprünglich der U-Bahnhof Oranienplatz entstehen sollte, ein Sand-Wasser-Gemisch geleitet. Dabei ist die Wohnstraße für die meisten Schwertransporte zu schmal, entgegnete ein Beobachter. Sie berichten zudem, dass sich die Füllmasse inzwischen gesetzt hat. Ein mehr als zehn Zentimeter hoher Hohlraum sei entstanden. „Hoffentlich läuft es Unter den Linden besser“, sagt er.


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