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So könnte die mentale Belastung der Bevölkerung aufgefangen werden

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15.06.2021

Berlin - Therapieplätze sind begrenzt, mentale Probleme in der Bevölkerung häufen sich. Viele Menschen sehnen sich nicht erst seit Corona nach einem professionellen Ansprechpartner, mit dem sie sich über ihr Leben austauschen können. Pilar Isaac-Candeias, Vorstandsmitglied der Berliner Psychotherapeutenkammer, findet, dass es mehr „psychotherapeutische Hausärzte“ geben müsste, die nicht nur lange Therapien anbieten, sondern in ein oder vier Sitzungen als Wegweiser weiterhelfen. Ein Gespräch über realitätsferne Pläne von Gesundheitsminister Jens Spahn, Psychotherapie für die migrantische Bevölkerung und das deutsche Gesundheitssystem, das die falschen Anreize setzt.

Berliner Zeitung: Frau Isaac-Candeias, hat die Corona-Pandemie eine kollektive psychische Belastung der Bevölkerung ausgelöst?

Pilar Isaac-Candeias: Ja, aber man darf die Situation nicht dramatischer darstellen, als sie ist. Die Menschen sind gleichermaßen mütend, erschöpft, genervt, halten sich meist trotzdem ganz gut zusammen, weil sie sich entlasten können, indem sie permanent über die Corona-Krise reden. Sobald die Normalität eingekehrt ist, wird es der Mehrheit wieder gutgehen. Ein kollektives Problem kann nämlich oft viel leichter überwunden werden, weil es alle getroffen hat. Diejenigen, die sowieso schon immer „mental wackelig“ waren, und die, die sich in der Corona-Krise psychisch betrachtet übernommen haben, die werden mit Depressionen kämpfen müssen, die aus der Erschöpfung entstehen. Das wird noch kommen.

Haben sich viele Menschen nicht bereits vor der Corona-Krise komplett übernommen?

Wir leben in einer Zeit, die nicht von Optimismus geprägt ist. Das war schon vor der Pandemie der Fall. Die Menschen kämpfen einerseits mit immens wichtigen globalen Problemen, wie der Klimakrise, und sind andererseits damit beschäftigt, ihren persönlichen Weg zu finden. Entscheidungen zu treffen, Ambivalenzen auszuhalten: Will ich auf dem Land leben oder in der Stadt? Es gibt Lebensphasen, in denen wichtige Weichen für die Zukunft gestellt werden. Und dann kommt ständig Neues hinzu, wie die sozialen Netzwerke, die zu einem Untergrundrauschen führen. Da muss man eine gewisse Resilienz aufbauen, um dieser Dauer-Überlastung zu entkommen. Man kann sich fürs Klima engagieren, um nicht der Hilflosigkeit zu verfallen. Und parallel nach dem eigenen Glück im Chaos suchen.

Pilar Isaac-Candeias ist Vorstandsmitglied der Psychotherapeutenkammer Berlin und arbeitet als Psychotherapeutin in einer Praxis in Berlin-Schöneberg.

Sie setzt sich besonders für Themen der Prävention und der Migration ein. Unter anderem geht sie den Fragen nach, wie Menschen aus anderen Ländern dabei unterstützt werden können, in Deutschland heimisch zu werden.

Sie arbeiten in einer Praxis in Berlin-Schöneberg. Haben sich die mentalen Probleme während der Pandemie geändert?

Ich führe sehr viele Beratungsgespräche und muss sagen, dass die Probleme dieselben sind wie immer. Es gibt eine Gruppe, die von der Corona-Krise profitiert hat. Ich betreue zum Beispiel Menschen mit sozialen Phobien. Die waren ganz dankbar für die Pandemie, denn der Druck, sich mit anderen Menschen zu treffen, fiel für sie weg. Ich arbeite auch mit Menschen, die schwierige Persönlichkeiten sind, die zum Beispiel am Arbeitsplatz ständig mit Kollegen in Konflikt geraten sind. Die waren wiederum dankbar, dass Homeoffice möglich war.

Und dann gibt es andere, die in der Pandemie ihren Job verloren haben und existenziell betroffen sind, welche, deren Partnerschaft an der Krise zerbrochen ist, oder Menschen, die Angststörungen vor der Zukunft, dem Virus, dem Leben entwickelt haben. Ich habe auch Patienten betreut, die völlig vereinsamt sind in der Pandemie, die ihre winzigen Haltegriffe, die sie sich über die Zeit mühsam erarbeitet haben – ihre Wandergruppe oder das regelmäßige Spazierengehen mit der........

© Berliner Zeitung


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