Die Leiden des Prekariats – oder: Die Geschichte einer Familie, die leider nie gebaut hat
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Die Szene ist persönlich und sollte ohne Entschuldigungen oder Vorbehalte beschrieben werden: Meine Mutter und ich saßen im Sommer auf der Terrasse ihrer Wohnung, als sie, ohne großes Aufheben oder Vorankündigung, Folgendes einbrachte: „Unsere Familie hat leider nie gebaut.“
Ein Gedanke, ziemlich klar, scheinbar ohne weiteren Erklärungsbedarf. Doch selbst wenn er auf einer bequemen Terrasse, mitten in einem trägen Sommer, ausgesprochen wird, für einen Moment vom Rest der Welt abgeschirmt, ist dieser Gedanke tief im gesellschaftlichen Kontext verankert.
Deshalb sind gewisse Erläuterungen dennoch notwendig. Denn wenn man über eine Familie sagt, sie habe „leider nie gebaut“, muss man sich zwangsläufig fragen – warum. Und ebenso – wo diese Familie ihr nicht-bauendes Leben verbracht hat.
Unsere montenegrinische Familie war einst jugoslawisch, und zwar in jener Zeit, als sich das zweite Jugoslawien aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs erhob. Für die Familie meiner Mutter bedeutete das jenen Optimismus, der den Überlebenden offenbar inhärent war, besonders den jüngeren, den neuen Jugoslawen, die fähig waren zu lernen, zu arbeiten und ein neues Leben aufzubauen.
Ihr Vater war eines von zehn Kindern, und Hof und Haus auf dem Land hinterließen neun von ihnen einem der Brüder, einem Bergbewohner, der sich entschied, nicht auf den Zug der Modernisierung aufzuspringen, im Gegensatz zu den anderen, die ein „besseres Leben“ in der Bildung suchten, Familien in den Städten gründeten und souveräne Bürger des neuen Jugoslawien wurden.
Ihr Vater, mein Großvater, arbeitete redlich in seinem juristischen Beruf, erhielt für seinen Dienst eine Wohnung und eine Pension, wurde dann Zeuge des Zerfalls Jugoslawiens und wartete ruhig auf seinen Tod, während sich die Trümmer eines Landes, das er für unübertroffen hielt, noch neu sortierten und auf die sogenannte Transition vorbereiteten.
So wie das Leben meines Großvaters seinen Höhepunkt in einigen goldenen Jahrzehnten des jugoslawischen Modernisierungsprojekts erreichte, so erlebte das Leben meiner Mutter seinen umgekehrten Höhepunkt in den dunklen Jahrzehnten der Kriege, Sanktionen, Embargos und der bereits erwähnten Transition.
Das bedeutete, dass sie für ihre ehrlich geleistete Arbeit niemals eine Wohnung erhielt wie ihr Vater; stattdessen lebte sie mit ihrer neu gegründeten Familie weiterhin in der Wohnung ihres Vaters. Nach dem Tod der Eltern wurde diese Wohnung geteilt, dann in eine andere, kleinere verwandelt, die – aller Wahrscheinlichkeit nach – eines Tages mein Bruder und ich (beide Emigranten) erben und teilen werden, womit unsere nicht-bauende Familie schließlich ohne Lebensraum in ihrer Heimatstadt dastehen wird.
Bis dahin wird in dieser einzigen Familienwohnung unsere Mutter wohnen, eine pensionierte Mathematiklehrerin, die sich der Absurdität nicht bewusst ist, dass sie nach fast fünfzig Jahren Arbeit nie die Möglichkeit hatte, sich........
