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Pastorenkinder in der DDR: Über Hintertür oder Schlupfloch zum Abitur und an die Uni

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18.12.2025

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.

Ich bin getauft und konfirmiert, durfte jedoch weder das Halstuch noch das Blauhemd tragen. Dafür sorgte mein Vater, ein evangelischer Pfarrer in der DDR-Provinz – Protestant im doppelten Wortsinn. Nach heutiger Lesart hätte ich weder Abitur machen noch studieren dürfen. Und doch konnte ich es.

„Deutsche Lebenslügen“, titelte die Berliner Zeitung am 27. November, und unter deren Aufzählung erwähnte die Autorin beiläufig die Legende von den „bildungsgebremsten Pfarrerskindern“, welche auch die Pfarrerstochter Angela Merkel kolportierte. Mich hat man nicht gebremst, wenngleich ich zu bedenken gebe, dass jede Lebensgeschichte – auch solche von Pastorensöhnen und -töchtern in der DDR – einmalig und darum als Sammelbeweis untauglich ist. Wir sollten uns vor absoluten Urteilen hüten.

Mein bereits vor Jahrzehnten verstorbener Vater war vermutlich kein besonders gottesfürchtiger Mensch. Die Not trieb ihn auf die Kanzel, nicht sein Glaube. Wie seit fast zweihundert Jahren Familienbrauch übernahm er als Erstgeborener die Korbmacherwerkstatt seines Vaters, nachdem er aus britischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war. Die Nazis hatten den Achtzehnjährigen gegen Kriegsende noch in eine Uniform gesteckt und in der Ardennen-Offensive verheizen wollen, doch er überlebte die Schlacht um die „Festung Europa“ (Nazi-Propaganda). Westalliierte und Wehrmacht boten im Dezember 1944 mehr als eine Million Mann dort auf; zwanzigtausend Amerikaner verloren in den Ardennen ihr Leben.

Mein Vater kehrte also in seine Heimatstadt Torgau zurück und nahm das väterliche Gewerbe wieder auf. Allerdings fiel aus verschiedenen Gründen die Ernte der Weiden – Rohstoff für die Korbproduktion – in den Vierzigerjahren ruinös schlecht aus, weshalb er dem Rat eines Freundes aus Chemnitz, einem Pfarrer, folgte.

Den Bruder in Christo hatte er in der Gefangenschaft kennengelernt und sich mit diesem zu dessen Verwandten nach Hannover in der britischen Zone entlassen lassen. Von dort waren beide über die Demarkationslinie in die sowjetische Zone getürmt. Der Chemnitzer Pfarrer schlug ihm nach drei Missernten vor, das Gewerbe zu wechseln. Im Anschluss an den Besuch des Wittenberger Predigerseminars – das später Friedrich Schorlemmer leiten sollte,........

© Berliner Zeitung