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Wie ein Treuhand-Anwalt reich wurde: Erlebnisbericht von der DDR-Abwicklung

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31.12.2025

„Wie kam es dazu, dass ich bei einem Liquidator der Treuhandanstalt angestellt war?“ Diese Frage stellte Frank Jahnel, Jurist, Autor und Vorsitzender der Friedrich-Wolf-Gesellschaft, einem Vortrag voran, den er am 1. November 2025 vor großem Publikum im Theater Ost in Adlershof hielt. Es ging um die Rettung des Theaters als einzigartige Kulturinstitution vor dem existenzbedrohenden Zugriff eines Investors. Nach einem Urteil des Berliner Landgerichts vom 19. Dezember 2025 soll das Theater Ost seine Spielstätte räumen.

Erinnerungen an das zerstörerische Vorgehen der Treuhandanstalt gegen das Volkseigentum der DDR-Bürger 30 Jahre zuvor hatten die Theaterdirektorin Kathrin Schülein veranlasst, Frank Jahnel auf der Konferenz von seinen krassen Erlebnissen in der Kanzlei eines Liquidationsanwaltes berichten zu lassen. Es geht um Millionen-Abzocke, kaltblütig und mit unfassbarer Gier. Der Vortrag steht vollständig im jetzt erschienenen Sammelband „Vorwärts und nicht vergessen“, in dem die Beiträge von Rednerinnen und Rednern dokumentiert sind. Hier der gekürzte Beitrag Frank Jahnels.

Nach dem Verlust meines Arbeitsplatzes entschloss ich mich 1992, eine damals noch gut geförderte Umschulung zum Rechtsanwalts- und Notariatsfachangestellten zu absolvieren. Die Ausbildung erfolgte dual, ich musste mir also außer der Berufsschule noch eine Kanzlei für die praktische Ausbildung suchen.

In einem Vorstellungstermin unterhielt sich der eloquente, sympathische Kanzleichef lange mit mir und gab mir dann sofort die Zusage. So begann ich im September 1992 meine Umschulung in der Kanzlei des Rechtsanwalts T.

Wer war dieser Anwalt T.? Er betrieb eine kleine, gut gehende Kanzlei in Grünwald, einer der exklusivsten Wohngegenden Deutschlands. Zu seinem Kanzleiprofil zählte nicht nur der Anwaltsbereich. Seine Ehefrau hatte ihre eigene Firma für Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung in die gemeinsame Kanzlei integriert.

Als wir Mitarbeiter der Berliner Kanzlei 1994 einmal mit T. in großem Kreis zusammensaßen – es war der Tag, an dem wir alle nicht arbeitsfähig waren, weil die Staatsanwaltschaft gerade eine Lkw-Ladung Akten und einige PCs aus unseren Büros beschlagnahmt hatte –, erzählte er uns, wie er zu dem Job als Liquidator bei der Treuhandanstalt gekommen war: Er hatte vor Jahren während eines Urlaubs in Frankreich einen Herrn Ludwig Tränkner kennengelernt. Nachdem er schon längere Zeit nichts von Tränkner gehört hatte, rief ihn dieser im Sommer 1991 an und erzählte, dass er jetzt Direktor für Abwicklung bei der Treuhandanstalt in Berlin sei. Dann fragte er, ob T. auch........

© Berliner Zeitung