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Trotz Verbot ab 2027: Europa importiert Rekordmenge an russischem LNG

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Die EU hat im März 2026 so viel LNG aus Russland importiert wie noch nie zuvor. Das geht aus neuen Daten der Denkfabrik Bruegel hervor – einer der einflussreichsten Stimmen in der europäischen Energiepolitik. Demnach importierte die EU im März rund 2,46 Milliarden Kubikmeter Flüssigerdgas aus Russland – ein monatlicher Höchstwert.Von Januar bis März stiegen die EU-Importe von russischem LNG auf 6,8 Milliarden Kubikmeter, verglichen mit 5,7 Milliarden im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Auch die gesamten LNG-Importe Europas erreichten im März mit 14,1 Milliarden Kubikmetern einen Rekordwert. Im ersten Quartal 2026 stiegen die LNG-Käufe der EU im Vergleich zum Vorjahr um rund zehn Prozent auf 39,2 Milliarden Kubikmeter. Die Rekordmenge an importiertem LNG aus Russland ist besonders brisant, weil die EU beschlossen hat, die Einfuhr von russischem Gas ab 2027 vollständig zu verbieten.

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Yamal und TurkStream: EU erhöht russische Gasimporte

Seit Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar 2022 verfolgt die EU das Ziel, unabhängiger von russischem Gas zu werden. Durch den Ausbau der LNG-Infrastruktur und höhere Importe etwa aus den USA soll dieser Umstieg gelingen.

Tatsächlich sind die Gasimporte der EU aus Russland im ersten Quartal des Jahres mit rund 11,52 Milliarden Kubikmetern im Vergleich zu den ersten drei Monaten des Jahres 2021 (41,12 Milliarden) deutlich zurückgegangen. Vor Beginn des Kriegs gegen die Ukraine lag der russische Anteil an den EU-Gasimporten noch bei rund 45 Prozent, 2025 waren es nur noch etwa 13 Prozent. Doch im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (10,02 Milliarden Kubikmeter) hat die EU ihre Gasimporte aus Russland nun wieder deutlich erhöht.

Trotz des bevorstehenden Importverbots ab 2027 beziehen mehrere EU-Staaten weiterhin russisches Flüssigerdgas – darunter Frankreich, Spanien und Belgien. Vor allem über die russische LNG-Anlage Yamal importiert die EU nach wie vor große Mengen. Im März bezog Europa sogar 100 Prozent der russischen Ladungen aus Yamal – die Berliner Zeitung berichtete.

Auch über die Pipeline TurkStream gelangt weiter russisches Gas nach Europa. In den ersten beiden Monaten des Jahres sind die EU-Importe laut ENTSOG-Daten im Vergleich zu 2024 sogar gestiegen – von 28,3 auf etwa 35,3 Terawattstunden (TWh) Gas. Insgesamt beliefen sich die russischen Gaslieferungen in die EU 2025 noch auf rund 38 Milliarden Kubikmeter. Das ist zwar weniger als die 150 Milliarden Kubikmeter, welche die EU im Jahr 2021 noch aus Russland bezogen hat. Allerdings bleibt offen, wie die verbleibenden Mengen in den kommenden Jahren vollständig ersetzt werden sollen.

LNG-Knappheit in Europa: Iran-Krise schlimmer als Nord Stream?

Ein möglicher Grund für die höheren Gasimporte der EU aus Russland dürfte der Krieg im Iran seit Ende Februar sein, der den globalen LNG-Markt erheblich unter Druck gesetzt hat. Die katarische LNG-Anlage Ras Laffan, in der rund 20 Prozent des weltweiten Flüssigerdgases produziert werden, wurde nach iranischen Angriffen schwer beschädigt und die Produktion daraufhin eingestellt.

„Die LNG-Lieferungen aus Katar könnten monatelang, im schlimmsten Fall sogar jahrelang ausfallen“, erklärte Arne Lohmann Rasmussen, Chefanalyst bei Global Risk Management, in einem Bericht von Bloomberg. „Das könnte die LNG-Industrie grundlegend verändern, ähnlich wie der Anschlag auf Nord Stream oder vielleicht sogar noch schlimmer“, warnte Susan Sakmar, Gastdozentin am University of Houston Law Center.

Da ein großer Teil des globalen LNG-Angebots aus dem Nahen Osten ausfällt, konkurrieren Käufer weltweit um die verbleibenden Mengen – vor allem Europa und Asien. „Letztlich fahren LNG- und Öltanker immer dorthin, wo es ökonomisch gerade am sinnvollsten ist“, sagte Jakob Schlandt vom Hamburg-Institut. Zahlreiche Tanker hatten in den vergangenen Tagen entsprechend ihren Kurs von Europa in Richtung Asien geändert. In der Folge sind die Börsenpreise für Gas in Europa stark gestiegen – zuletzt auf bis zu 60 Euro je Megawattstunde. Zum Vergleich: Zum Jahreswechsel lag der Gaspreis an der europäischen Börse TTF noch unter 30 Euro.

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Für die EU könnte es schwierig werden, russisches Gas zu ersetzen

Für die EU könnte es angesichts der Iran-Krise schwierig werden, die russischen Gasmengen bis 2027 zu ersetzen. „Die LNG-Anlagen in den USA sind voll ausgelastet, und Katar hat die Produktion eingestellt“, warnte Ana Maria Jaller-Makarewicz, leitende Energieanalystin am amerikanischen Institut für Energiewirtschaft und Finanzanalyse, auf eine frühere Anfrage der Berliner Zeitung. Zwar könnten einige Länder wie Mexiko, Brasilien oder Australien sowie einige Produzenten in Afrika ihre LNG-Lieferungen leicht erhöhen. „Dieser Anstieg würde allerdings weniger als zehn Prozent der ausfallenden russischen Gaslieferungen ausmachen“, so die Energieexpertin.

Aus Sicht der Experten von Bruegel sollte eine EU-Rückkehr zu russischem Pipeline-Gas oder LNG dennoch nicht neu geprüft werden. Es würde „die Abhängigkeit wiederherstellen“, deren Abbau Europa drei Jahre und erhebliche politische Anstrengungen gekostet habe. „Dies würde es Russland ermöglichen, die Preise zu manipulieren, die EU politisch zu spalten und die langfristige Energiesicherheit des Blocks zu gefährden“, heißt es.

Ob der komplette Ausstieg aus russischem Gas wie geplant gelingen kann, erscheint angesichts der zuletzt wieder steigenden Importzahlen jedoch zunehmend offen.

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