menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Neues Angebot für Raucher in Berlin: Krankenkassen zahlen Lungencheck an der Charité

37 0
19.03.2026

Dieser Satz soll abschrecken: „Raucher sterben früher.“ So steht es auf Zigarettenpackungen. Jens Vogel-Claussen versteht den Satz als berufliche Herausforderung. Der Professor ist Direktor der Klinik für Radiologie an der Charité, die seit vergangener Woche ein neuartiges Programm zur Vorsorge gegen Lungenkrebs anbietet.

„Tumore sollen früh erkannt werden“, sagt Jens Vogel-Claussen zum Ziel des Programms. Früh bedeutet: im ersten Stadium, in dem die Chancen auf Heilung bei mehr als 90 Prozent liegen – der Krebs beschränkt sich noch auf die Lunge. Mit einem Niedrigdosis-CT fahnden die Mediziner des Berliner Uniklinikums nach Veränderungen im Gewebe. Je früher, desto besser, lautet ihre Strategie.

Kokain zur Erdbeertorte: Was ein Berliner Geschäftsmann auf Entzug erlebt

Krebs überlebt, aber nicht gesund? Ein Charité-Programm macht Patientinnen jetzt Hoffnung

Vom nächsten Quartal an, ab 1. April, übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung die Kosten für ein Lungenscreening, wie es die Charité jetzt anbietet. Ungefähr 95 Euro macht das. Die bezahlen die Kassen für eine klar definierte Risikogruppe: Dazu gehören Menschen, die zwischen 50 und 75 Jahre alt sind. Sie haben 25 Jahre und länger geraucht und sind weniger als zehn Jahre rauchfrei. Außerdem sollten sie auf mindestens 15 sogenannte Packungsjahre kommen – ein Packungsjahr entspricht 20 Zigaretten täglich über zwölf Monate.

Der Weg zum Screening ist schnell und unkompliziert: Interessierte können sich im Internet unter lungencheck.charite.de mit nur wenigen Klicks anmelden. Alternativ stellt ein Hausarzt, Internist oder Arbeitsmediziner eine Überweisung aus. Die Untersuchung selbst dauert nicht länger als eine Stunde, ein ärztliches Vorgespräch inklusive.

Danach werden die Aufnahmen ausgewertet, Künstliche Intelligenz hilft dabei. In etwa zehn Prozent der Fälle ist der Befund auffällig, die Betroffenen werden erneut untersucht. Sollte sich der Verdacht bestätigen, besprechen Experten verschiedener Fachrichtungen – von der Radiologie bis zur inneren Medizin – das weitere Vorgehen. Ist der Befund unauffällig, wie in den meisten Fällen, wird der nächste Untersuchungstermin in einem Abstand von zwölf Monaten anberaumt.

„Wir suchen nicht nur nach Tumoren, sondern sehen uns beim Screening den Zustand der Lunge insgesamt an“, sagt Vogel-Claussen. „Außerdem schauen wir auf das Herz und nach eventueller Gefäßverkalkung.“ Schließlich führt Tabakkonsum oft zu kardiovaskulären Erkrankungen, die in Deutschland die häufigste Todesursache sind, noch vor Krebs auf Platz zwei.

Vier Stadien von Lungenkrebs: Je früher erkannt, desto besser

Zwar gilt für alle heilbaren Krankheiten, dass eine erfolgreiche Therapie umso wahrscheinlicher ist, je früher die Diagnose gestellt wird. Lungenkrebs ist aber vor allem deshalb tückisch, weil sich Symptome erst in einer fortgeschrittenen Phase einstellen. Anzeichen können Husten sein, auch mit blutigem Auswurf, zudem Atemnot, aber auch Brustschmerzen, Heiserkeit oder häufig wiederkehrende Infektionen.

Vier Stadien der Krankheit kennt die Medizin, die in sich nochmals unterteilt sind. Sie werden unter anderem danach bestimmt, ob schon die Lymphknoten befallen sind oder sich Metastasen außerhalb der Lunge gebildet haben.

Die Quote von zehn Prozent positiver Fälle hat sich in Studien herauskristallisiert, darunter die Hanse-Studie in Norddeutschland. Jens Vogel-Claussen war daran beteiligt. Im vergangenen Oktober wechselte er an die Charité und hat seitdem mit seinem Team den neuartigen Lungencheck auf den Weg gebracht. Bislang haben sich an die 30 Raucher untersuchen lassen. Das Angebot gilt für die Standorte Campus Mitte, Campus Virchow in Wedding und Campus Benjamin Franklin in Steglitz.

„In der nächsten Woche sind noch Termine frei“, sagt der Professor als Werbung in eigener Sache. Er will für das Programm so viele Teilnehmer wie möglich gewinnen. Denn Lungenkrebs stellt das deutsche Gesundheitssystem vor große Herausforderungen. Bei Männern ist er seit einiger Zeit schon die häufigste tumorbedingte Todesursache. Inzwischen gilt das auch für Frauen. Sie sterben seit 2024 öfter an Lungen- als an Brustkrebs. Während bei Männern die Zahl der Erkrankungen leicht abnimmt, steigt sie bei Frauen stetig an.

Kliniken, Arznei, Kassenvorstände: Dafür zahlen Krankenversicherte ihre hohen Beiträge

Die Ursache ist eindeutig: Mehr als 95 Prozent der Fälle von Lungenkrebs gehen hierzulande auf Tabakkonsum zurück. „Anders als in Asien spielen genetische Faktoren und Umwelteinflüsse etwa durch Feinstaub keine Rolle“, sagt Oberarzt Nikolaj Frost, der das Lungentumorzentrum der Charité mit seinen acht Kliniken und Instituten leitet. Berlin verfügt über insgesamt sechs solcher Zentren.

Vergleichbare Screening-Programme gibt es deutschlandweit an Krankenhäusern. Bis jetzt wurden 1500 Radiologen, Internisten, Haus- und Arbeitsmediziner geschult. Auch die Charité bietet solche Fortbildungen an. Um möglichst viele Raucher in die Früherkennung zu bekommen, werden mögliche Risikofaktoren abgefragt. „Die Krankenkassen verfügen leider über keinerlei Raucherdaten und können daher potenzielle Teilnehmer nicht anschreiben“, sagt Frost.

Die Kriterien, die zu dem von den Krankenkassen finanzierten Screening berechtigen, sollen an der Charité erweitert werden, eine entsprechende Studie ist in Planung. Elf Faktoren bezieht sie ein. Neben dem Rauchverhalten werden erbliche Komponenten berücksichtigt, ebenso Grunderkrankungen wie COPD, aber auch sozioökonomische Aspekte.

Studien für Deutschland zeigen: Wer einen niedrigen Sozialstatus hat, fängt öfter mit dem Rauchen an und hört seltener wieder auf. Mit steigendem Haushaltseinkommen sinkt dagegen die Raucherquote um etwa die Hälfte.

Wir nennen unser Programm Lungencheck. Wir wollen diese Stigmatisierung loswerden.

Wir nennen unser Programm Lungencheck. Wir wollen diese Stigmatisierung loswerden.

An der Charité wollen die Experten um Jens Vogel-Claussen ihr Screening-Angebot so niedrigschwellig wie möglich halten. Der Klinikdirektor sagt: „Wir nennen unser Programm Lungencheck.“ Das Wort Krebs kommt darin nicht vor. „Wir wollen diese Stigmatisierung loswerden.“ Rauchen sei zwar gesellschaftlich anerkannt, aber dennoch eine Suchterkrankung.Für Raucher von E-Zigaretten ist das Programm übrigens nicht gedacht. Deshalb sind in den Auswahlkriterien die Packungsjahre enthalten. Bei vielen Zigaretten über Jahre steigt das Krebsrisiko deutlich an. Allerdings sagt Oberarzt Frost zur Gefahr von Krebs durch Tabakkonsum: „Theoretisch würde eine Zigarette reichen.“


© Berliner Zeitung