München - Nur 220 Euro für ein möbliertes Zimmer in Laufweite vom Marienplatz. 250 Euro für 15 Quadratmeter in einem Haus mit großem Garten mitten in Schwabing. 320 Euro für ein 16-Quadratmeter-Zimmer direkt an der Giselastraße. In München, wo Studierende für ein WG-Zimmer im Schnitt 720 Euro zahlen, klingen diese Angebote beinahe ausgedacht. Erst auf den zweiten Blick zeigt sich der Haken: Hier werden keine WG-Zimmer inseriert, sondern Plätze in Burschenschaften.

Da ist zum Beispiel die Burschenschaft Stauffia: Sie wirbt mit schnellem Internet, Zimmern zwischen zehn und 20 Quadratmetern und der Möglichkeit, vom Balkon aus die teuren Autos in der Maximilianstraße bewundern zu können. Dafür muss, wer hier langfristig einziehen will, "zeitlebens sein Tun und Denken den Begriffen Ehre, Freiheit, Vaterland unterordnen", so schreibt das die Burschenschaft auf ihrer Homepage. Und er wird – das schreibt sie nicht – als Mitglied der Stauffia automatisch "Verbandsbruder" der "Deutschen Burschenschaft" (DB).

Die "Deutsche Burschenschaft" ist ein Verband, in dem 66 Burschenschaften aus Deutschland und Österreich Mitglied sind, und gilt als stramm rechter Zusammenschluss. Zuletzt standen gleich zwei ihrer Mitgliedverbände im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit: Die Berliner Gothia und die Münchner Danubia.

Das liegt daran, dass zwei ihrer Mitglieder als Schlüsselfiguren des Rechtsradikalismus in Deutschland in Erscheinung getreten sind: Der ehemalige Berliner Finanzsenator Peter Kurth, Vorstand des Altherrenverbands der Berliner Burschenschaft Gothia, soll an der Finanzierung eines Hausprojekts der rechtsradikalen Identitären Bewegung beteiligt gewesen sein, das von dieser mutmaßlich zur Geldwäsche genutzt wurde.

Und der Bauunternehmer und Verleger Hans-Ulrich Kopp, Vorstand der München Burschenschaft Danubia, soll bei einem Treffen in Potsdam zusammen mit Unternehmern, Neonazis und AfD-Funktionären die Vertreibung von Deutschen mit Migrationshintergrund geplant haben. Sowohl die Berliner Gothia als auch die Danubia gelten schon länger als offen rechtsradikal. Seit die Münchner Danubia 2001 einem Neonazi Unterschlupf geboten hatte, der gemeinsam mit einer großen Gruppe Gleichgesinnter einen Griechen zusammengeschlagen und schwer verletzt hatte, wird sie auch vom Verfassungsschutz beobachtet.

Für die Gesamtheit der Deutschen Burschenschaft gilt das jedoch nicht. "Zum jetzigen Zeitpunkt liegen der Bundesregierung keine hinreichenden tatsächlichen Anhaltspunkte dafür vor, dass der Dachverband "Deutsche Burschenschaft" (DB) Bestrebungen verfolgt, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtet sind", heißt es in einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage von Abgeordneten der Linkspartei aus dem Jahr 2022. Auch der Verfassungsschutz lehnt eine Beobachtung des Verbandes ab.

Anders sieht man das bei der Fachinformationsstelle Rechtsextremismus München. "Der einzige Unterschied zwischen der Danubia und den anderen Münchner Burschenschaften, die Mitglied der DB sind, ist, dass die Danubia den Rechtsextremismus selbstbewusst nach außen trägt, während die anderen drei ihn etwas mehr zu verdecken suchen", sagt eine Mitarbeiterin der Fachinformationsstelle Rechtsextremismus München (firm) auf AZ-Anfrage.

"Alle vier vertreten einen völkischen Begriff von Deutschtum, in dem die Frage, wer Deutscher ist, nicht vom Pass, sondern vom Blut abhängt." Die Frage danach, wen die Deutsche Burschenschaft als "deutsch" zählt, hatte den Verband tatsächlich mehrere Jahre lang beschäftigt. Begonnen hat die Auseinandersetzung 2011. Damals wollte die "Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn" eine andere Burschenschaft – die "Hansea Mannheim" – aus dem Verband werfen lassen, weil diese ihrer Ansicht nach gegen die Verfassung der Deutschen Burschenschaft verstoßen hatte: Sie hätte nämlich ein Mitglied aufgenommen, dessen Eltern aus China kamen.

Zwar war der junge Mann selbst Deutscher, allein: Dass seine Eltern nicht aus Deutschland kamen, reichte den Alten Breslauern, um in seiner Mitgliedschaft einen klaren Verstoß gegen die Prinzipien der Deutschen Burschenschaft zu sehen. Es sei schließlich, so stand das damals in dem Ausschlussantrag, "nicht hinnehmbar, dass Menschen, welche nicht vom Deutschen Stamme sind, in die Deutsche Burschenschaft aufgenommen werden". Es war der Beginn eines mehrjährigen Streits über die Frage, ob für die Mitgliedschaft in der Deutschen Burschenschaft ein "Ariernachweis" nötig sei.

Der Streit führte dazu, dass mehrere Burschenschaften aus dem Verband austraten, denen die DB zu weit nach rechts gerutscht war. Die Hansea Mannheim beispielsweise ist schon seit 2012 kein Mitglied der DB mehr – die Alten Breslauer sind es noch immer. Ob die Deutsche Burschenschaft sich letzten Endes offiziell dazu bekannt hat, eine Rassentheorie zu vertreten, ist allerdings anhand von öffentlich zugänglichen Dokumenten nicht festzustellen. Die AZ hat deswegen eine Anfrage an die Münchner DB-Mitglieder Cimbria, Stauffia und Alemannia geschickt, auf die jedoch bis Redaktionsschluss keine Reaktion erfolgt ist.

Überhaupt ist die DB den Medien gegenüber eher zurückhaltend. Für ihr eigenes Magazin, die "Burschenschaftlichen Blätter", gilt das jedoch weniger. Von den fast 60 Büchern, die die "Burschenschaftlichen Blätter" ihren Lesern empfehlen, geht es in mehr als der Hälfte um die Waffen-SS. Memoiren von SS-Mitgliedern; Schilderungen der "spektakulären Erfolge" der SS in der Ukraine; Bildbände über die Einsätze verschiedener SS-Divisionen.

Die Buchempfehlungen tragen die Überschrift "Neuerscheinungen, Neuauflagen, Bestseller". Aber eigentlich sind viele der empfohlenen Texte schon älter: Sie wurden vor Jahrzehnten von SS-Mitgliedern geschrieben und nun von rechtsradikalen Verlagen neu aufgelegt. So wie das Buch "Die Ritterkreuzträger", mit dem das ehemalige SS-Mitglied Ernst-Günther Krätschmer in den 50er-Jahren versucht hatte, das Ansehen der Waffen-SS in der deutschen Bevölkerung zu heben.

Neben den Buchtipps finden sich in dem Magazin tiefgreifende Überlegungen zum Korporationswesen ("ein ganz zentraler Teil des deutschen Wesens") und zum Thema "Remigration" (Titel: "Die Lösung heißt Remigration"). Herausgeber des Magazins ist die Burschenschaft Cimbria – aus München. Die Zimmer in der Nähe der Universität, die sie auf ihrer Webseite bewerben, sollen nur zwischen 100 und 150 Euro kosten. Ob die in ihrem Magazin beworbenen Jahreskalender mit den Motiven "Germanische Welt" und "Männer der Waffen-SS" im Preis mit inbegriffen sind, schreiben sie nicht.

QOSHE - Blick hinter die Fassade der Burschenschaften in München - Laura Meschede
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Blick hinter die Fassade der Burschenschaften in München

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31.01.2024

München - Nur 220 Euro für ein möbliertes Zimmer in Laufweite vom Marienplatz. 250 Euro für 15 Quadratmeter in einem Haus mit großem Garten mitten in Schwabing. 320 Euro für ein 16-Quadratmeter-Zimmer direkt an der Giselastraße. In München, wo Studierende für ein WG-Zimmer im Schnitt 720 Euro zahlen, klingen diese Angebote beinahe ausgedacht. Erst auf den zweiten Blick zeigt sich der Haken: Hier werden keine WG-Zimmer inseriert, sondern Plätze in Burschenschaften.

Da ist zum Beispiel die Burschenschaft Stauffia: Sie wirbt mit schnellem Internet, Zimmern zwischen zehn und 20 Quadratmetern und der Möglichkeit, vom Balkon aus die teuren Autos in der Maximilianstraße bewundern zu können. Dafür muss, wer hier langfristig einziehen will, "zeitlebens sein Tun und Denken den Begriffen Ehre, Freiheit, Vaterland unterordnen", so schreibt das die Burschenschaft auf ihrer Homepage. Und er wird – das schreibt sie nicht – als Mitglied der Stauffia automatisch "Verbandsbruder" der "Deutschen Burschenschaft" (DB).

Die "Deutsche Burschenschaft" ist ein Verband, in dem 66 Burschenschaften aus Deutschland und Österreich Mitglied sind, und gilt als stramm rechter Zusammenschluss. Zuletzt standen gleich zwei ihrer Mitgliedverbände im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit: Die Berliner Gothia und die Münchner Danubia.

Das liegt daran, dass zwei ihrer Mitglieder als Schlüsselfiguren des Rechtsradikalismus in Deutschland in Erscheinung getreten sind: Der ehemalige Berliner Finanzsenator Peter Kurth, Vorstand des Altherrenverbands der Berliner Burschenschaft Gothia, soll an der Finanzierung eines Hausprojekts der........

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