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Ein tödlicher Schuss – zwei Realitäten

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14.01.2026

Im Jahr 1951 gab es in den Vereinigten Staaten ein Football-Spiel zwischen den Universitätsmannschaften von Princeton und Dartmouth. Es wurde ein brutales Aufeinandertreffen zweier rivalisierender Teams. Am Ende hatte der Quarterback von Princeton eine gebrochene Nase, ein Spieler von Dartmouth ein gebrochenes Bein, dazu unzählige Blessuren auf beiden Seiten. In den Lokalzeitungen wurde anschließend die ausufernde Gewalt des jeweils anderen Teams gebrandmarkt.

Die beiden Psychologen, Albert Hastorf (Dartmouth) und Hadley Cantril (Princeton), wollten in den Folgewochen diesen Sachverhalt genauer untersuchen und zeigten den Mannschaften getrennt voneinander eine Filmaufnahme des reich an Fouls geführten Spiels. Die Dartmouth Studenten sahen die Bilder als Beweis dafür, wie hart ihre Gegner vorgegangen waren. Die Princeton Spieler hingegen sahen sich in ihrer Annahme bestätigt, dass die Brutalität vor allem von der Mannschaft von Dartmouth ausgegangen war. Beide Teams sahen jedoch den gleichen Film. Das Ergebnis war eine mittlerweile berühmt gewordene psychologische Untersuchung, die belegt, dass Menschen Ereignisse nicht nur unterschiedlich interpretieren, sondern, dass sie oft auch unterschiedliche Realitäten erleben, die durch Gruppenidentität und Überzeugungen geprägt sind. Ganz selektiv werden so Ereignisse aufgrund einer angenommenen Gruppenzugehörigkeit wahrgenommen.

Genau dieses Phänomen erleben wir gerade in den USA. Nach den tödlichen Schüssen eines ICE-Beamten (Immigration and Customs Enforcement) auf die 37-jährige Renée Good in Minneapolis ist das Land in zwei Lager geteilt. Nahezu jeder und jede in den USA hat die verschiedenen Videos, die die Eskalation zwischen den ICE-Einsatzkräften und der Mutter dreier Kinder zeigen, aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln gesehen. In den Nachrichtensendungen und online wurden die Sequenzen Bild für Bild analysiert. Für die einen sind diese Videos klare Belege dafür, dass ein Beamter der Behörde die Frau mit drei Schüssen kaltblütig und ohne ersichtlichen Grund ermordet hat. Eine Kugel traf die Frau von vorne durch die Windschutzscheibe, zwei von der Seite durch das offene Fenster. Es wurden drei Schüsse in weniger als einer Sekunde abgefeuert. Die Situation war zuvor allerdings nicht außer Kontrolle geraten – auch das zeigen die Videoaufnahmen von Zeug: innen und von den Bodycams der beteiligten Polizisten. Es schien, Good wollte einfach ruhig, besonnen und langsam wegfahren und sich so den weiteren Fragen und der Identifizierung ihrer Personalien entziehen. Sie hatte erst den Rückwärtsgang eingelegt, dann den Vorwärtsgang, das Lenkrad eingeschlagen und leicht auf das Gaspedal gedrückt. Dann fielen die tödlichen Schüsse, eine........

© Wiener Zeitung