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Warum WitchTok & Co boomen

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02.01.2026

„Ganz ehrlich – es war pure Verzweiflung“, sagt Julia rückblickend. „Ich habe alles gemacht, was in meiner Macht steht, und war dann der Situation ausgeliefert. Für mich hat es Sinn gemacht, zumindest einen kleinen Funken ‚Universums-Hilfe‘ reinzuholen.“ Die „Universums-Hilfe“ möchte sie von einer selbst ernannten Hexe auf Etsy bekommen: einen Zauber, der Julia bei einer beruflichen Herausforderung unterstützen soll.

Julia ist eine von vielen, die in der digitalen Spiritualität Halt suchen. Auf Social Media teilen Tausende Anleitungen für Schutzzauber & Co – unter Hashtags wie #witchtok und #spirituality. Zur modernen Esoterik gehört dabei weit mehr als selbst zugeschriebene Hexenkraft. Dazu zählen auch Tarot, Astrologie, Manifestation, Energiearbeit, Neoschamanismus oder Mondrituale: ein Patchwork aus Traditionen, Popkultur und Wellness. Alle Praktiken haben gemeinsam, dass sie Sinn, Orientierung und Selbstwirksamkeit versprechen.

Außerdem wird die Esoterik immer individueller: Menschen stellen sich aus allem, was kursiert, ihre eigene Praxis zusammen. „Wir erleben seit Mitte des 20. Jahrhunderts eine starke Individualisierung religiöser und spiritueller Weltanschauungen – der aktuelle Boom ist Teil davon“, sagt Marion Näser-Lather, Kulturwissenschaftlerin und Ethnologin an der Universität Innsbruck.

Social Media verstärkt nicht nur Individualisierung, sondern auch das Kontrollgefühl durch Algorithmen, Ästhetik und Communitygefühl. Die Plattformen sind also neu, die Inhalte sind es nicht. „Was früher in Illustrierten oder im Privatfernsehen wie Astro TV stattfand, ist ins Internet und schließlich in die sozialen Medien gewandert“, sagt die Expertin und verweist auf Bewegungen wie die der Wicca-Religion, die viel älter sind als TikTok und Instagram: Sie formierten sich bereits in der Mitte des 20. Jahrhunderts und........

© Wiener Zeitung