Ostern: Wo sich Bibel und Koran fundamental widersprechen
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Ostern: Wo sich Bibel und Koran fundamental widersprechen
03. April 2026 | Ansgar Graw
Für die Christen ist Jesus am Kreuz gestorben und wiederauferstanden. Für die Muslime handelt es sich um ein gewaltiges Missverständnis
Der Tod am Karfreitag und die Wiederauferstehung am dritten Tag: Für die Christen ist Ostern das Fest, das die Welt veränderte. Und zu dem diesem Fest zugrunde liegenden Ereignis gibt es Sätze, an denen sich ganze Weltdeutungen entzünden. Einer steht in der Bibel, im Johannesevangelium, er beschreibt den Gang zum bereits verlassenen Grabmal von Jesus, er ist still, tastend, fast lapidar:
„Da ging auch der andere Jünger hinein … und sah und glaubte.“ (Joh 20,8)
Der andere findet sich im Koran, voller Gewissheit, der Bibel widersprechend und darum mit ungeheurer Sprengkraft:
„Und sie haben ihn weder getötet noch gekreuzigt, sondern es erschien ihnen nur so …“ (Sure 4:157)
Zwischen diesen beiden Sätzen liegt nicht weniger als eine theologische Erdverschiebung. Der Islam kennt Jesus. Er nennt ihn ʿĪsā, ehrt ihn als Propheten, als Messias sogar, als Verkünder des Wort Gottes. Er gehört auch im Koran zu den großen Gestalten der Offenbarung, ein Wunderkind, geboren von Maria, ein Verkünder, ein Zeichen. Und doch bleibt eine Grenze, scharf gezogen, fast demonstrativ: Dieser Jesus stirbt nicht am Kreuz.
In den Suren 4:157 und 4:158 zitiert der Koran die „Ungläubigen“, um sie alsdann zu korrigieren:
„‘Gewiß, wir haben al-Masīḥ ʿĪsā, den Sohn Marias, den Gesandten Allahs getötet.‘“ – Aber sie haben ihn weder getötet noch gekreuzigt, sondern es erschien ihnen so. Und diejenigen, die sich darüber uneinig sind, befinden sich wahrlich im Zweifel darüber. Sie haben kein Wissen darüber, außer daß sie Mutmaßungen folgen. Und sie haben ihn mit Gewißheit nicht getötet. Nein! Vielmehr hat Allah ihn zu Sich erhoben. Allah ist Allmächtig und Allweise.“
Der Koran rettet Jesus – die Bibel rettet die Menschheit
Der Koran widerspricht also der dramatischsten Szene der christlichen Überlieferung. Golgatha wird gewissermaßen entleert, zur Illusion erklärt. „Es erschien ihnen nur so“ – ein Satz wie ein Schleier, der sich über die Passion legt.
Johannes hingegen beschreibt die Kunde von der Auferstehung so:
„Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem anderen Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben. Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab; sie liefen beide zusammen, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als Erster ans Grab. Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging jedoch nicht hinein.
Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Haupt Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle. Da ging auch der andere Jünger, der als Erster an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte. Denn sie hatten noch nicht die Schrift verstanden, dass er von den Toten auferstehen müsse. Dann kehrten die Jünger wieder nach Hause zurück.“
Was im Neuen Testament der Tiefpunkt war, nämlich der Kreuzestod, aber zugleich zum Wendepunkt führte, nämlich zur Wiederauferstehung, wird im Koran zum Missverständnis der Zuschauer. Es wäre im islamischen Verständnis eine Beleidigung, wenn der Prophet Gottes, in diesem Fall Allahs, von Menschen getötet worden wäre - und Allah hätte dies nicht verhindert.
Man könnte sagen: Der Islam rettet Jesus vor dem Kreuz. Das Christentum aber besteht gerade darauf, dass er dort war – und dadurch die Menschheit rettete.
Ist Ostern eine Täuschung oder der Anfang von allem?
Denn im Neuen Testament ist das Kreuz kein Randereignis, sondern das Zentrum, der dunkle Kern, um den sich alles dreht und der zum hellen Licht führt. Ostern – jene leise, nahezu unspektakuläre Szene am leeren Grab – ist nur verständlich, weil zuvor tatsächlich gestorben wurde.
Johannes erzählt nicht laut. Kein Triumph, kein Pathos. Nur ein Grab, ein paar Tücher, zwei ratlose Jünger. Bei Lukas, Markus und Matthäus sind ebensowenig Fanfarenklänge zu hören. Und dann dieser zentrale Moment, in dem Johannes die Reaktion des einen, namentlich nicht benannten Jüngers beschreibt: „Er sah und glaubte.“ Er hat keinen Beweis im modernen Sinn, es ist eher ein inneres Umschlagen der Wahrnehmung. Zu wissen, weil bewiesen, wäre nicht schwierig, zu glauben ohne den Beweis bleibt die ständige Herausforderung. Aber ohne das reale Sterben Jesu wäre dieser Glaube leer und ohne Ziel.
Denn der christliche Gedanke ist radikal: Gott, Mensch geworden in seinem Sohn, geht in den Tod – und durch den Tod hindurch. Der islamische Gedanke ist ein anderer: Gott bewahrt seinen Gesandten vor dieser Erniedrigung.
Beide Überlieferungen wollen Jesus gerecht werden – aber auf entgegengesetzte Weise. Der Koran möchte die Würde des Propheten schützen, indem er das Kreuz und den Tod negiert – aber damit auch die Auferstehung, das Leben, das ewige Leben. Es ist das Zentrum der Verkündigung im Neuen Testament der Christenheit. Das Evangelium offenbart die Würde Christi gerade im Kreuz: Hier Bewahrung, dort Hingabe. Hier Entrückung, dort Durchgang.
Und so steht man zwischen den Texten wie zwischen zwei Deutungen desselben Schattens: War das Kreuz ein Geschehen – oder ein Schein? War Ostern die reale Überwindung des Todes – oder eine Anekdote des Missverstehens?
Die Antworten könnten kaum weiter auseinanderliegen. Sie zwingen dazu, sich zu entscheiden, was man im Osterfest eigentlich sieht: eine Täuschung – oder den Anfang von allem.
