Vom Sinn der Utopien
Nur wenige Menschen wollen auf eine bessere Zukunft hoffen. Am Horizont zeichnen sich ökologische Zerstörung, Bedrohungen durch Künstliche Intelligenz, wirtschaftliche Unsicherheit, die Aushöhlung von Demokratie und Sozialstaat, der Zusammenbruch der internationalen, normenbasierten Ordnung, zunehmender Autoritarismus und Kriege ab.
Es ist schwer, die Hoffnung nicht zu verlieren, wenn die Medien von düsteren Zukunftsszenarien berichten und Politiker den unausweichlichen Untergang predigen. Während sich Horrorgeschichten und zynische Hoffnungslosigkeit verbreiten, werden diejenigen, die an eine bessere Zukunft glauben, ausgelacht. Die Realität wird immer düsterer.
Die linke Medienlandschaft in Europa ist nicht groß, aber es gibt sie: ob nun die französische »L’Humanité« oder die schweizerische »Wochenzeitung« (WOZ), ob »Il Manifesto« aus Italien, die luxemburgische »Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek«, die finnische »Kansan Uutiset«, der britische »Morning Star« oder »Naše Pravda« aus Prag. Sie alle beleuchten internationale und nationale Entwicklungen aus einer progressiven Sicht. Mit einer Reihe dieser Medien arbeitet »nd« bereits seit Längerem zusammen – inhaltlich zum Beispiel bei unserem internationalen Jahresrückblick oder der Übernahme von Reportagen und Interviews, technisch bei der Entwicklung unserer Digital-App.
Mit der Kolumne »Die Internationale« gehen wir einen Schritt weiter in dieser Kooperation und veröffentlichen immer freitags in unserer App nd.Digital einen Kommentar aus unseren Partnermedien, der aktuelle Themen unter die Lupe nimmt. Das können Ereignisse aus den jeweiligen Ländern sein wie auch Fragen der »großen Weltpolitik«. Alle Texte unter dasnd.de/international.
Zukunftsvisionen drehen sich immer um Macht. Wer unsere Zukunftswahrnehmung bestimmt, gibt die Richtung vor. Die Zukunft basiert auf unseren gegenwärtigen Erwartungen, und wer sich nur das Dunkle ausmalt, arbeitet nicht auf das Licht hin.
Oft heißt es, wir lebten in einer dystopischen Ära. Doch die Funktion von Dystopien in Literatur, Kunst und Wissenschaft besteht darin zu warnen, nicht fatalistisch vorherzusagen. Ziel ist es – wenn uns eine Dystopie, eine Karikatur einer funktionierenden Welt und Gesellschaft, gezeigt wird –, uns das Material an die Hand zu geben, um Alternativen dazu aufzuzeigen, etwas Besseres zu erschaffen: Utopien.
Eine Utopie ist, wie man so schön sagt, ein guter Ort, der noch nicht existiert. Obwohl Utopien stets Produkte der Fantasie sind, sind sie kein naives Geschwätz, sondern politische Visionen, die zum Aufbau einer wünschenswerten, guten Gesellschaft hinleiten und von einem gemeinsamen Ziel motiviert sind.
Utopien kritisieren stets die herrschende Gesellschaft, weshalb Machthaber sie lächerlich machen. Diese Strategie ist uralt und wird bewusst angewendet. Bürger, die sich eine bessere Zukunft wünschen und hoffnungsvoll und entschlossen dafür arbeiten, sind der Albtraum von Machthabern, die an ihrer Macht festhalten.
Der größte Feind von Utopien ist derzeit vielleicht nicht die düstere Zukunftslage. Bedrohungen und ungelöste Probleme, Leid und Entwicklungsbedarf gab es schon immer. Das Hindernis ist vielmehr individualistisches Denken, bei dem das Streben nach persönlichem Glück im Vordergrund steht, statt das Gemeinwohl und gemeinsames Handeln zu fördern.
»Kansan Uutiset« (Volkszeitung) ist seit August 2020 das Organ des finnischen Linksbündnisses Vasemmistoliitto. Zuvor hat sich das 1957 gegründete Blatt als Stimme verschiedener linker Parteien und Parteienbündnisse in Finnland verstanden. Gedruckt erscheint »KU« seit März 2020 als Monatsmagazin; die Webseite wird allerdings täglich aktualisiert. Schwerpunkte der Berichtserstattung sind insbesondere die innenpolitische Entwicklung in Finnland sowie Aktivitäten der linken Parteien und Kräfte.
»Kansan Uutiset« befand sich ursprünglich im Besitz unter anderem von Gewerkschaften, ist aber heute eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung.
Ohne Träume können Menschen nicht gedeihen. Viele streben nach persönlichem Erfolg und einem vagen Gefühl von Glück – sie planen ihre Karriere, treiben Sport, meditieren und geben Geld aus –, doch nur wenige erlangen in einer verkommenen Gesellschaft letztendlich wahres Glück. Es liegt im Interesse der Machthabenden und Kapitalisten, dass wir uns auf unser eigenes Wohl konzentrieren statt auf das Gemeinwohl.
Ungeachtet dessen, was selbst ernannte realistische Zyniker behaupten, sind Utopien nicht nur möglich, sondern notwendig und durchaus real. Viele der Utopien von gestern sind wichtige Bausteine unserer heutigen Alltagswelt: eine unabhängige Justiz, das Wahlrecht, Frauen- und Arbeitnehmerrechte, kostenlose Bildung, sichere Geburten, Meinungsfreiheit und freie Medien. Wir haben gemeinsam für unsere Träume gekämpft.
Eine ungerechte und gewalttätige Zukunft ohne Alternative zu malen, führt zu zynischer Hoffnungslosigkeit, lähmt kollektives Handeln und ermöglicht rücksichtslose, autoritäre Politik. Nur das Böse zu erwarten oder persönliches Glück durch Konsum und sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, ist nicht nur passiv, sondern trägt zum Herannahen der Dunkelheit bei.
Es stimmt nach wie vor: Die Welt verändert sich, wenn wir sie gemeinsam verändern. Es geht um die Richtung, um unsere Visionen für morgen und um das, worauf wir hinarbeiten.
Dieser Text ist am 24. Februar in unserem Partnermedium »Kansan Uutiset« (Finnland) erschienen. Er wurde nachbearbeitet und gekürzt.
