Berlinale: Seid doch mal so nett!
Als ich 1987 in Darmstadt Abitur geschrieben hatte, sollte ich auf der Feier, bei der die Abi-Zeugnisse übergeben wurden, die Abschlussrede halten. Allerdings sollte ich sie vorher einem Festkomitee, das sich aus drei oder vier meiner Mitschüler zusammensetzte, zur »Prüfung« vorlegen. Ich weigerte mich und nannte das »Zensur«. Das gab ein großes Hallo, der Vertrauenslehrer schaltete sich ein und auch der Schulsprecher – »Christof, sei doch mal so nett und zeig ihnen deine Rede«, aber ich wollte nicht. Und dann verteilte ich mit zwei Freunden vor der Abiturfeier ein Flugblatt, auf dem stand: »Eine Rede wird verboten.« An der Feier nahmen wir nicht teil. Und die Rede habe ich nie geschrieben.
So ähnlich ist es auch mit der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy, die ihre Teilnahme an der Berlinale absagte, weil die Jury sich angeblich nicht politisch äußern wollte, zum Beispiel zu Israels Gaza-Krieg. Denn Wim Wenders hatte als Jurypräsident auf die Frage eines Journalisten, warum nicht explizit dieser Krieg verurteilt werde, gesagt: »Wir müssen uns aus der Politik heraushalten.«
Was hätte Roy auf der Berlinale erzählen wollen? Wir werden es nie erfahren. Wim Wenders ist noch nie durch politische Positionen aufgefallen, Arundhati Roy eigentlich nur durch politische Positionen. Doch Wenders wollte auf die Freiheit der Kunst anspielen, wo es die nicht gibt, gibt es auch keine Freiheit der Rede. Meine nie gehaltene Rede war eine Kunstaktion. Heute bin ich dafür, dass man sich erstmal unterhält, über Kunst und Politik.
